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„Wir haben endlich Silicon-Valley-Niveau“

Die Gründer der „Bits & Pretzels“ über ihre Konferenz, Kevin Spacey und den Startup-Standort Deutschland. Wir machen einen Ausflug nach München. Dort beginnt am Sonntag das dreitägige Gründerfestival „Bits & Pretzels“. Mehr als 5000 Teilnehmer werden bei der dritten Auflage erwartet. In kürzester Zeit ist die „Bits & Pretzels“ selbst wie ein Startup im Turbomodus zu einem der wichtigsten Gründer-Treffpunkte in Deutschland avanciert. Kurz vor dem Start haben wir mit den Gastgebern gesprochen. Über die mangelhafte Einstellung des deutschen Nachwuchs und über Kevin Spacey, der die Eröffnungsrede halten wird. 

Die „Bits & Pretzels“ ist von Andreas Bruckschlögl (Mitgründer von  OnPage.org), Felix Haas (Mitgründer von Amiando und Investor in mehr als 60 Startups; Foto: Links) und Bernd Storm (Mitgründer von Aboalarm; Foto: Rechts) gegründet worden. 

Kevin Spacey eröffnet „Bits & Pretzels“ – habt ihr euch einen Jugendtraum erfüllt?

Bernd Storm Ich bin mit 41 der Älteste und kannte ihn schon aus Filmen wie „Die üblichen Verdächtigen“ und „Sieben“ sehr gut. Wir freuen uns auf ihn, nicht nur weil wir ihn in „House of Cards“ gut finden, sondern weil er auch als Investor extrem spannend ist. Sein Motto lautet „Send The Elevator Back Down“. Er möchte jungen Schauspielern und Gründern helfen. Das passt zu unserem Konzept.

Was können Gründer von Spacey lernen?

Bernd Storm Kevin Spacey gibt die Fehler weiter, die er gemacht hat. Auf MasterClass.com gibt er Workshops, in denen er sein Handwerk vermittelt. Da kann man viel von lernen – auch als Gründer. Es gibt Startups, die ihn als Investor haben und die profitieren natürlich auch von seinem Netzwerk.

Felix Haas Als Gründer kann man von Kevin Spacey auch in Sachen Risikobereitschaft einiges lernen. Der Spacey hatte als einer der ersten darauf gesetzt, dass neue Formate wie Netflix funktionieren und abheben. Er wurde in seiner Welt viel angefeindet, wie man sich für so etwas nur hergeben könne. Er ist ein großes Risiko eingegangen. Am Ende hat er mit dem großen Erfolg von „House of Cards“ ordentlich gewonnen. Diese Eigenschaft brauchen Gründer auch. Außerhalb der Herde zu denken zeichnet einen Gründer aus. Da ist Kevin Spacey maßgebend.

Welche Impulse sollen von der „Bits & Pretzels“ in diesem Jahr ausgehen?

Felix Haas Wir sind selbst Gründer und wollen das unsere Gäste nötiges Wissen und Inspiration vermittelt bekommen. In Deutschland gibt es zwar tüchtige Ingenieure und Informatiker, die lassen sich aber noch zu selten von großen Ideen inspirieren. Da wollen wir mit „Bits & Pretzels“ unseren Teil dazu beitragen.

Bernd Storm Wir sehen uns als Aktivator. Wir wollen, dass in sechs Monaten Hundert neue Startups durch neue Kontakte und Inspiration bei „Bits & Pretzels“ gegründet werden. Hundert Top-Studenten sollen sich erstmals für Praktika in Startups und nicht bei Allianz, BMW und Siemens entscheiden. Die Konzerne sollen aufgeschlossener auf Startups zu gehen. Das wollen wir hinterher auch messen.

Worauf können sich die Besucher freuen?

Felix Haas Wir haben in diesem Jahr „Bits & Pretzels“ in sechs Themencluster unterteilt, damit die Teilnehmer besser untereinander netzwerken können. Ein Cluster beschäftigt sich mit dem Megatrend Mobilität. Es geht um die ganzen Veränderungen, die mit einer rasanten Geschwindigkeit auf die Branche zukommen – das fahrende Auto ist nur ein Teil dabei. Es geht aber auch um das Thema Software. Wir wollen die Akteure der jeweiligen Cluster zusammenbringen. Für Inspiration sorgen neben Kevin Spacey aber auch Richard Branson oder die Gründer von Airbnb oder Kayak. Sie werden erzählen wie sie ihre Firmen aufgebaut haben und was dabei gut lief und was nicht. Es gibt aber auch die Academy-Stage, auf der erfolgreiche Gründer reine Fachvorträge halten werden. Gründer erzählen, wie sie ihr Team gefunden haben,  Online-Marketing hinbekommen oder die Verhandlungen mit Venture-Capital-Firmen meisterten.

Wie hat in der Vergangenheit die „Bits & Pretzels“ andere Gründer motiviert?

Bernd Storm Als wir im letzten Jahr am dritten Tag im Oktoberfest-Zelt von Tisch zu Tisch gegangen sind, kam  von den Gästen als Feedback zurück: „Letztes Jahr haben wir uns bei euch getroffen und dann eine Firma gegründet.“ Co-Founder finden sich und gemeinsame Projekte, Studenten werden engagiert und natürlich schließen Investoren Deals. Mir ist auch wichtig, dass Konzerne den Stock im Hintern loswerden und offener und risikofreudiger an Themen rangehen und auch mal mit Firmen zusammenarbeiten, die noch nicht alle Ausschreibungskriterien erfüllen.

In Deutschland wird die Gründerszene immer ein wenig rückständig eingeschätzt, stets dem Vorbild „Silicon Valley“ hinterherlaufend. Ist das gerechtfertigt oder nervt euch das?

Felix Haas Als wir mit meinem Startup Amiando in München im Jahr 2006 angefangen haben, dann waren wir die krassen Außenseiter. Ein Startup zu führen kam der Arbeitslosigkeit gleich. Es hat sehr lange gebraucht, bis wir überhaupt ein Büro anmieten konnten. Das hat ich alles geändert. Inzwischen gehören Startups zum Mainstream. Diese Richtung ist zwar richtig, aber es ist immer noch viel heiße Luft dabei. Viele reden über das Thema mit dem Selbstzweck, dass man einfach darüber redet. Fakt ist: Es wird nie gelingen, ein „Silicon Valley“ zu kopieren. Ich habe dort zwei Jahre gelebt. Das ist eine ganz andere Kultur. An diese Dimension werden wir nicht hinkommen. Auf der anderen Seite haben wir etwas ganz anderes. Wir haben in Deutschland die einmalige Verbindung zwischen der ‚neuen Welt‘ aus dem Digitalen mit Gründern und Investoren, aber wir haben auch die klassische Industrie. Die deutsche Industrie ist weltweit führend – wie zum Beispiel die Automobil-Industrie. Die Verbindung dieser Welten tut uns allen richtig gut.

Bernd Storm Typisch deutsch redet man sich schlechter, als man ist. Junge Leute haben Angst sich selbstständig zu machen. Eine Statistik zeigt, dass 89% nach Stanford gehen, um zu gründen. In Deutschland geht die Mehrheit zur Hochschule, um sich anstellen zu lassen. Da muss sich noch sehr viel tun. Es reicht nicht, wenn die Politik sagt, wir sind besser als vor zehn Jahren. Alle Länder sind besser als vor zehn Jahren. Egal ob es im Bereich Venture-Capital-Gesetzgebung ist oder im Ausbau des Breitbands ist. Hier ist die Politik gefragt. Die Ergebnisse werden bisher groß gefeiert. Wir sollten uns mit Weltmarktführern vergleichen aber nicht mit Mittelmaßländern. Aber im Vergleich liegen wir weit, weit, weit hinten. Wenn wir uns jetzt in die Tasche lügen und sagen, wir sind eigentlich ganz gut, dann reicht das nicht. Ich sehe die Gefahr, dass Deutschland sehr viel zu verlieren hat, wenn man jetzt nicht richtig Gas gibt.

Felix Haas Symptomatisch sind auch die Gespräche mit Investoren die ich begleite. Es gibt einen krassen Unterschied, wenn man mit einem deutschen oder einem amerikanischen Venture-Capitalist spricht. Die deutschen Investoren fragen erst einmal welche Probleme auftreten können, warum der Markt nicht kommen kann und sie versuchen immer das Risiko zu bestimmen. Der amerikanische Investor orientiert sich primär an der Frage, wie groß es werden kann, wenn alle Stolpersteine gelöst werden. Deswegen entstehen in Deutschland immer Startups, die ganz gut sind, die aber selten die Welt verändern. Die Amerikaner arbeiten an viel Schwachsinn und Schrott, da kommt dann aber auch mal ein Facebook heraus.

Wir müssen also globaler denken …

Felix Haas Definitiv. In den letzten Jahren haben wir auch die ersten coolen Erfolgsbeispiele aus Deutschland gesehen. Vor vier Jahren wäre es noch undenkbar, dass wir in Deutschland mehrere Startups haben, für die sich US-Firmen interessieren und Millionen investieren wollen. Alle hacken zum Beispiel auf Rocket Internet herum, teilweise zurecht. Auf der anderen Seite ist Rocket eine Milliarden-Firma, die aus Deutschland heraus weltweit aktiv ist. Oder nehmen wir Zalando. Das ist eine E-Commerce-Firma mit einer wahnsinnig großen Technik-Komponente und einem Milliarden-Wert an der Börse. Oder nehmen wir Trivago. Die wurden zwar schon 2005 gegründet, haben aber einen langen Atem gehabt und gehen im November an die NASDAQ mit einem Emissionsvolumen von einer Milliarde auf eine Bewertung von acht oder neun Milliarden. Das ist fantastisch und richtig viel. Das ist endlich mal Silicon-Valley-Niveau! Diese ersten globalen Erfolge setzen Geld frei. Die Leute, die an diesen Beispielen Geld verdienen, werden es wahrscheinlich wieder in das Ökosystem zurück investieren. Sie werden wohl auch bereit sein, in riskantere Ideen zu investieren und dann haben wir so ein bisschen die Dynamik, von der das Silicon Valley lebt.

Noch mal zurück zum Nachwuchs und den Hemmungen zu gründen. Wen seht ihr denn in der Pflicht diese Haltung zu verändern?

Bernd Storm Da kann niemand warten, bis jemand die optimalen Rahmenbedingungen schafft. Da fällt mir ein Spruch ein, der politisch belegt ist, aber bei jedem Startup wahrscheinlich Tag für Tag runtergebetet wird: Wir schaffen das. Die Politik darf nicht in klein klein denken. Jeder muss seinen Beitrag leisten: Als Gründer muss man eine wahnsinnig positive Grundeinstellung mitbringen. Der Gründer kann nicht warten, dass die Unis ihn top vorbereiten und die Geschäftsideen nur so hereinfliegen. Die Unis können nicht erwarten, dass die Topleute rauskommen und vermittelt werden. Jeder muss überlegen, was das große Ziel, die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft, bedeutet. Jeder muss sich ändern. Von der Politik bis zum Studenten.

Worauf freut ihr euch auf der „Bits & Pretzels“?

Bernd Storm Ich freue mich auf Kevin Spacey, auf den Vortrag von Florian Gschwandtner von Runtastic im Rahmen der Academy und auf den Fintech-Track, weil der auch meine Firma betrifft.

Felix Haas Ich freue mich auf den Moment, in dem wir drei Veranstalter wieder auf der Empore des Schottenhammel-Zeltes stehen und alle beim Netzwerken beobachten und dann diese Energie spüren. Das war im letzten Jahr ein unfassbar schöner Moment.

Aus persönlicher Neugierde: Wie kann ich mich denn auf die Wiesn vorbereiten? Werde ich in Lederhosen erwartet, oder ist das tabu, weil ich eigentlich ein Preuße bin?

Bernd Storm Du kannst kommen wie du dich wohl führst, aber komm’ bitte in Lederhosen.

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