NRW Vorgestellt

It’s OWL, stupid!

Ostwestfalen-Lippe ist ein bisher unbekanntes Pflaster für Gründer. Dabei winkt die Region mit Millionenförderungen und Startiups werden dringend gesucht

Es gibt glamourösere Landstriche als Ostwestfalen-Lippe. Doch die oft verkannte Region am Nordostende von NRW drängt ins Rampenlicht — mit einem starken Mittelstand, Dutzenden von Weltmarktführern, westfälischer Sturheit und feiner Selbstironie. Und sie bietet Millionenförderungen für Startups — denn Gründer werden in der Region dringend gesucht.

Wenn nur dieser Name nicht wäre: Ostwestfalen-Lippe. Was denn nun, fragen die Spötter. Ost oder West? Westfalen oder Lippe? Mit diesem Wortungetüm kann man ja nichts werden. Und werben kann man damit schon gar nicht. „Kann man wohl“, sagt Herbert Weber, Geschäftsführer der Ostwestfalen-Lippe GmbH. „Eine Region. Ein Wort“ heißt der neue Slogan.

Das kann man als feine Selbstironie werten oder aber als Botschaft, dass diese Region hält, was sie verspricht. Immerhin: In einer Umfrage erklärten jüngst 80 Prozent der befragten Entscheider, sie könnten etwas anfangen mit dem Kürzel OWL, der handlicheren Variante von Ostwestfalen-Lippe. Eigentlich erstaunlich.

Denn die Menschen in OWL neigen dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Viele der Unternehmen in der Region schreiben Milliardenumsätze, Dutzende sind Weltmarktführer in ihrer Nische. Aber sie sprechen nicht gern darüber. Stattdessen beschweren sie sich mit Inbrunst, dass sie das Nachsehen haben gegenüber den Großsprechern aus dem Rheinland.

Ob es um die Verkehrsinfrastruktur geht, um Fördermittel für Forschung oder die Einrichtung einer medizinischen Fakultät an der Universität – stets müsse sich OWL hintanstellen, während Rheinland und Ruhrgebiet direkt am Futtertrog stünden. Allerdings ist das Nörgeln in der jüngeren Vergangenheit leiser geworden.

100 Millionen Fördermittel für „intelligente technische Systemen“

Nicht, weil sich die Verhältnisse verändert hätten. Sondern weil es die OWLer den Rheinländern mal so richtig gezeigt haben. Beim Spitzenclusterwettbewerb räumte Ostwestfalen-Lippe mit seinem Projekt zu „intelligenten technischen Systemen“ 40 Millionen Euro Fördermittel ab, packte selbst noch 60 Millionen obendrauf, während die Rhein-Ruhr-Region mit ihrem Kraftwerksprojekt in die Röhre guckte.

2012 war das, seither machen die intelligenten technischen Systeme unter dem Schlagwort „It’s OWL“ bundesweit und darüber hinaus Furore. „Das war der große Wurf“, sagt Christoph von der Heiden, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen. 25 Kernunternehmen und sechs Hochschulen der Region sind dabei.

Die Liste der Unternehmen liest sich wie das Who’s who der ostwestfälisch-lippischen Wirtschaft: Benteler, Claas, Beckhoff, Phoenix Contact, Wago sind dabei. Delegationen aus Spanien, Frankreich, Österreich, Finnland, China, Japan, Korea und viele andere kamen, um sich den Erfolg anzusehen. Die Projekte reichen von der E-Mobilität über computergestützte Erntearbeit bis hin zu Brotknetstäben, die die Konsistenz des Teigs erkennen.

Vorreiterfunktion bei der Digitalisierung

In Zeiten von Industrie 4.0 haben solche Projekte unschätzbaren Wert. „Wer in dieser Entwicklung was verpasst, muss in ein paar Jahren vielleicht zum Insolvenzgericht“, warnt von der Heiden. OWL habe lange Jahre mit dem Image kämpfen müssen, nicht innovativ zu sein. „In diese Kerbe schlägt nun ‚It’s OWL‘.“ Ein „gewaltiger Schritt nach vorn“ sei das Projekt, sagt auch Herbert Weber. Das sei wichtig gewesen für die Wahrnehmung der Region.

„Aber ein langer Atem gehört schon dazu“, sagt er. Und schmunzelt: „Wir gehen das mit westfälischer Beharrlichkeit an.“ Bei der Digitalisierung habe man sich in Ostwestfalen- Lippe auf diese Weise eine Vorreiterfunktion erarbeitet. Sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen komme nicht infrage. „Wir müssen aufpassen, dass nicht andere an uns vorbeiziehen.“ Zählbare Erfolge von ‚It’s OWL‘ gibt es auch über die Projekte hinaus längst: 6500 neue Arbeitsplätze sind in den Unternehmen entstanden.

Dabei ist der Spitzencluster noch nicht alles. OWL ist auch darüber hinaus eine gesunde Region. Der vielfältige Branchenmix mittelständischer Prägung, der von Maschinenbau bis Lebensmittelindustrie reicht, ist ein großes Plus. Die Dichte der Umsatzmilliardäre sei in keiner anderen ländlichen Region so hoch wie in Ostwestfalen-Lippe, sagt von der Heiden.

Man hätte gern mehr Start-up-Unternehmen

Hinter den meisten Unternehmen steht eine Familie, manche Firma hat seit Jahrhunderten den Eigentümer nicht gewechselt. Und Familienunternehmer, das sagt jedenfalls die Selbsteinschätzung, gehen pfleglicher als Dax-Konzerne mit ihren Mitarbeitern um. „Wir denken nicht in Quartalen, wir denken in Generationen“, sagt zum Beispiel Miele-Chef Reinhard Zinkann. Das Oberzentrum Ostwestfalen-Lippes ist Bielefeld, das industrielle Herz aber ist der Kreis Gütersloh.

Bertelsmann, Tönnies, Miele, Claas, Beckhoff und noch viel mehr florierende Unternehmen haben hier ihren Stammsitz. „Gütersloh ist der Kreis mit dem höchsten Industrieumsatz in NRW pro Kopf“, sagt von der Heiden. Luft nach oben gibt es allerdings auch. In den ländlichen Regionen kommt der Breitbandausbau nicht so schnell voran, wie sich die Firmen das wünschten. Auch könnte sich so manches Unternehmen noch internationaler orientieren. Dafür tut sich an anderer Stelle etwas.

Man hätte gern mehr Start-up-Unternehmen, sagt von der Heiden. An diesem Punkt setzt unter anderem die Founders Foundation der Bertelsmann Stiftung an. Sie ist in Bielefeld gerade mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit und mit Millionenförderung an den Start gegangen und will Start-ups in Serie fördern.

Allerdings: Die Möbelbau-Branche leidet unter Billigkonkurrenz

Wo viel Licht ist, gibt es allerdings auch Schatten. In Ostwestfalen-Lippe betrifft das ausgerechnet Teile der Möbelbranche. Sie ist seit jeher eine der wichtigsten Säulen der regionalen Wirtschaft. 30 Prozent der deutschen Produktionskapazität finden sich in Ostwestfalen-Lippe, bei den Küchenmöbeln sind es sogar 60 Prozent. Europaweit kommen ein Fünftel aller produzierten Küchen aus Ostwestfalen-Lippe. Das klingt imposant. Und doch kriselt es. Allein fünf Unternehmen der Branche in OWL haben in der ersten Jahreshälfte Insolvenz angemeldet.

Die Schuldigen an dieser Entwicklung sind bereits ausgemacht. In Osteuropa, speziell in Polen, werden (Billig-)Möbel inzwischen zu wesentlich geringeren Kosten produziert. Immer wieder verweisen Unternehmer und Verbandsvertreter dann darauf, dass die EU-Fördermittel für die Polen zu einer Wettbewerbsverzerrung führten. Seinem Ärger Luft zu machen hilft ja bekanntlich. Und westfälische Beharrlichkeit tut das ihre. Mit etwas Glück ja auch in der Möbelindustrie.

Foto: Grzegorz Wycech/thinkstock

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