Düsseldorf

Ladestation auf Rollen

Als Vielflieger hat sich Stefan Holwe geärgert, wie teuer und wenig innovativ die Kofferhersteller sind. Jetzt bringt er eine eigene Kollektion auf den Markt – mit der man sogar Smartphones laden kann.

Wenn Stefan Holwe über die Innovationskraft von Koffer-Herstellern spricht, klingt das ziemlich fies: „Die größte Gepäck-Innovation in den vergangenen 20 Jahren war der Wandel von zwei auf vier Räder.“ Während Reiseverläufe – gebucht wird online, selbst Menschen mit wenig Budget können dank Billig-Anbietern fliegen – einen extremen Wandel durchlebt hätten, gebe es beim Gepäck großen Nachholbedarf – insbesondere in punkto Digitalisierung.

Und darum will sich Holwe nun kümmern. Der 39-Jährige aus Troisdorf-Sieglar hat einen intelligenten Reisekoffer entwickelt. Dieser ist mit Akku und GPS-Sender ausgestattet, damit Reisende unterwegs mit ihm ihr Smartphone laden und den Standort des Gepäckstücks weltweit verfolgen können – selbst wenn es versehentlich mal wieder nicht im selben Flieger gelandet sein sollte wie der Reisende. Mehr als 25 Millionen Gepäckstücke gehen laut Holwe jährlich verloren.

„Wir studierten jede mögliche Reisesituation“, sagt Holwe. Anschließend habe man dann Lösungen entwickelt. „Wir wollten Reisegepäck neu denken“, sagt der Gründer. „Wir“ und „man“, das sind inzwischen knapp 25 Mitarbeiter, die für das 2015 von Holwe und dem gebürtigen Essener Jan Roosen in Berlin gegründete Start-up Horizn Studios arbeiten.

Die beiden sind leiderprobt: Roosen arbeitete für die Beratung AT Kearney und war anschließend für die Strategie beim Düsseldorfer Modeunternehmen Peek & Cloppenburg zuständig – von Berufs wegen also viel unterwegs. Ähnlich war es bei Holwe, der für den Vorstand der Deutschen Bank arbeitete und anschließend eine eigene Agentur aufbaute. „In den vergangenen 15 Jahren saß ich im Schnitt einmal pro Woche im Flieger“, sagt Holwe: „Wenn man Dinge sehr häufig macht, bekommen Kleinigkeiten mehr Bedeutung und mehr Aufmerksamkeit.“ In Hotels habe er beispielsweise Zimmer gebucht, die weit vom Fahrstuhl entfernt liegen, um nachts nicht immer von dessen Geräuschen geweckt zu werden. Und auch beim Reisegepäck fiel ihm irgendwann Verbesserungsbedarf auf. „Viele Vielflieger kennen das Problem, dass sie nachmittags am Flughafen sitzen und ihr Handy-Akku den Geist aufgibt.“

Ladeanschlüsse und GPS-Ortung sind jedoch nur ein Teil der Geschäftsidee, die Tausende Kunden so sehr begeistert hat, dass sie noch vor Veröffentlichung einen Koffer vorbestellten. Inzwischen werden die ersten Modelle ausgeliefert. Auch Prominente wie die Schauspieler Claire Danes („Homeland“), Orlando Bloom („Der Herr der Ringe“) und James Franco („Spiderman“) oder das Model Eva Padberg nutzen die Handgepäck-Koffer (Maße: 40 cm Länge x 55 cm Höhe x 20 cm Breite).

Um das Gepäckstück herum wollen die Gründer eine Art virtuelle Reisebetreuung aufbauen – zunächst per Telefon, E-Mail oder SMS, später dann auch per App für das Smartphone. Dieser „Travel Assistent“ soll Reisenden rund um die Uhr zur Seite stehen, Reisen umbuchen oder andere Probleme lösen.

Damit das alles für Kunden auch bezahlbar bleibt, setzen die Gründer auf den Direktvertrieb über das Internet – und haben damit auch das Interesse des Wuppertaler Unternehmens Vorwerk geweckt.

Vorwerk ist bislang nicht unbedingt als Reiseunternehmen aufgefallen, doch die Wuppertaler, deren bekannteste Produkte die Küchenmaschine Thermomix und der Staubsauger Kobold sind, haben großes Interesse an Modellen, bei denen Verkäufer und Kunde unmittelbar aufeinandertreffen – dem Direktvertrieb eben. Über ihre Tochter „Vorwerk Ventures“, die sich auf die Finanzierung von innovativen Start-ups spezialisiert hat, investierten die Wuppertaler in Horizn Studios. Genauso übrigens wie etwa der renommierte Venture Capital-Geber Projekt A und der Ex-Chef des Sportartikelherstellers Puma, Franz Koch.

Sie alle sehen in der Idee von Horizn Studios mehr als eine rollende Ladestation. „Im Grunde ist unsere wahre Innovation, dass wir alle Lieferketten überspringen“, sagt Holwe. Der Koffermarkt werde dominiert von großen Herstellern wie Samsonite oder Rimowa, deren Produkte oft nur wenige Euro in der Herstellung kosten, aber für viele hundert Euro im Geschäft verkauft werden. „Das Verhältnis zwischen Herstellungswert und Endkonsumenten-Preis ist einfach unnötig nachteilig für den Kunden“, sagt Holwe. Horizn Studio verzichtet daher auf den Großhandel, den Vertrieb über Kaufhaus-Ketten und Co. „Dadurch können wir hochwertige Materialien verwenden und sind trotzdem sehr viel günstiger“, sagt Holwe. 199 Euro kosten die Koffer in der Basis-Version. „Das ist eine Win-win-Situation für alle, außer das Kaufhaus“, so der Gründer. Die traditionellen Hersteller könnten dies nicht so schnell kopieren, weil sie oft in den Strukturen gebunden wären.

Einen eigenen Laden in Berlin hat das Unternehmen dennoch eröffnet, in den kommenden Jahren sollen zehn bis 20 weitere hinzukommen. Als nächstes ist die Eröffnung in London geplant. „Wir machen 95 Prozent unserer Umsätze online, glauben aber weiter an die Relevanz von Geschäften – allerdings nur den eigenen“, sagt Holwe. Immerhin könnten Kunden dort nicht nur die Koffermodelle erleben, sondern auch die anderen Produkte des Unternehmens anfassen: Kulturbeutel, Laptop- und Handtaschen, Smartphone-Hüllen und Geldbörsen. „Wir sehen uns als klassische Reisemarke, die alle Produkte rund um das Thema anbietet“, erklärt Holwe die Vielfalt. Als nächstes wolle man intelligente Koffer speziell für Discjockeys und danach für Fotografen auf den Markt bringen. „Unsere Zielgruppe ist jung und hypermobil, für die gehört Reisen zum Alltag dazu.“

Foto: Horizn

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