Köln

Kleinwagen am Handgelenk

Zwei Studenten gründeten 2013 einen Online-Shop für Luxusuhren – und arbeiten plötzlich mit Millionen-Summen.

Als die ersten Kundenanfragen kamen, kam Ludwig Wurlitzer und Philipp Man ihr Schlafrhythmus zugute: Wurlitzer steht gegen fünf Uhr auf, Man geht sehr spät ins Bett. „So hatten wir am Anfang fast einen 24-Stunden-Support“, erinnert sich Ludwig Wurlitzer und grinst.

Die beiden lebten damals in London und tüftelten neben dem Studium an einer Idee für ein Start-up: ein Online-Shop von Luxusuhren. „Natürlich hatten wir anfangs Sorgen, dass niemand eine Uhr bei uns kaufen würde“, sagt Wurlitzer. Jede Anfrage habe man blitzschnell beantwortet, um jeden Kunden nur ja zufrieden zu stellen. Dann gab es die erste Bestellung – aus den USA. Ein Kunde kaufte eine Tag Heuer.

Das war 2013. Inzwischen haben Wurlitzer und Man ihr Studium beendet. Und aus der Idee ist Chronext geworden – ein Start-up im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Genaue Umsatzzahlen nennt Wurlitzer nicht, nur so viel: Chronext mache inzwischen einen zweistelligen Millionen-Umsatz, 2018 wolle man die 100-Millionen-Marke durchbrechen. Und profitabel arbeite man auch schon.

An die Summen, mit denen die Gründer arbeiteten, mussten sie sich erstmal gewöhnen. „Am Anfang hatte ich totale Ehrfurcht vor den Uhren. Ich dachte nur: 10.000 Euro – Wow!“, sagt Wurlitzer. Eine Luxusuhr der Schweizer Marke Patek Philippe verkaufte Chronext mal für 540.000 Euro an einen russischen Kunden. Kein Wunder, dass im Kölner Büro ein begehbarer Tresor steht, in dem die wertvollen Waren verstaut sind.

Auch Wurlitzer und Man tragen inzwischen schmucke Uhren am Handgelenk – aber das war natürlich nicht immer so. „Meine erste Uhr war eine Stoppuhr von Adidas“, sagt Wurlitzer. Später wechselte er dann, wie viele andere Jugendliche auch, zu einer Swatch. Er habe nie viele Uhren gehabt, allerdings habe ihn schon immer die Technik interessiert, sagt er. Luxus-Uhren von A.Lange & Söhne, Rolex oder Breitling sind bis heute feingliedrige Präzisionsmaschinen.

Wurlitzer selbst hat noch keine dieser Uhren zerlegt und wieder zusammengebaut. Er sei zu grobmotorisch, begründet er. Doch dafür hat Chronext Fachkräfte. Einer ist Dirk Helleker, der in der Uhrmacher-Werkstatt in der alten Kölner Schiffsschraubenfabrik gerade eine Rolex mit Feinwerkzeug zerlegt. Hält man ihm das Handgelenk hin und fragt, was er zu diesem Weihnachtsgeschenk sagen würden, grinst er. Schon klar: So ein Modell spielt hier keine Rolle. „Bei uns liegt der Durchschnittspreis für eine Uhr ungefähr bei 5000 Euro“, sagt Helleker. 21.000 Modelle gibt es auf der Seite von Chronext – eine Vielfalt, die kein Juwelier bieten kann.

Langfristig wollen Wurlitzer und Man Chronext zum weltgrößten Handelsplatz für Luxusuhren machen. Das Potenzial ist groß. Allein die Schweiz, das bekannteste Produktionsland von Luxus-Chronographen, exportierte im vergangenen Jahr Uhren im Wert von rund 18 Milliarden Euro. Mit 25,4 Millionen Uhren stellte die Schweizer Branche zwar nur rund drei Prozent der globalen Produktion. Aber dank der teuren Modelle landete bei ihr 60 Prozent der weltweiten Erlöse der Branche – und davon wiederum entfielen fast zwei Drittel auf umgerechnet 1,4 Millionen Uhren, die mehr als 2800 Euro kosteten.

Auch andere Start-ups interessieren sich daher für dieses Geschäft. Das Karlsruher Unternehmen Chrono24 zum Beispiel oder das Berliner Start-up Montredo. Im Gegensatz zu Chronext bieten die Berliner allerdings nur neue und nicht zusätzlich gebrauchte und aufgearbeitete Luxusuhren an. Dass sie sich nicht in der Start-up-Hauptstadt angesiedelt haben, könnte langfristig sogar zum Vorteil für Man und Wurlitzer werden – Mitarbeiter können so schwerer abgeworben werden.

Und auch bei der Finanzierung hat sich der Standort in NRW bislang nicht als Nachteil erwiesen. Längst haben namhafte Investoren in das Start-up investiert, darunter die landeseigene NRW.Bank. Zuletzt konnte Chronext im Juni 2016 elf Millionen Euro von Investoren einwerben.

Fragt man Wurlitzer, wie es sich anfühlt, mit Mitte 20 plötzlich einen Millionenbetrag auf dem Konto zu sehen, sagt er, man dürfe sich nicht blenden lassen. „Das ist nicht unser Geld, es gehört Investoren, die uns vertrauen“, sagt er: „Ich empfinde das als große Verantwortung.“ Immerhin: Wurlitzers Mutter kann dadurch wieder besser schlafen: „Sie ist inzwischen beruhigt, dass unsere Geschäftsidee doch solide ist, am Anfang hatte sie doch etwas Sorge“, sagt Ludwig Wurlitzer und lacht.

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