Köln

Hygiene für den Handlauf

Zwei Schülerinnen haben eine Idee, Jahre später machen sie daraus ein Start-up: Mit Hilfe von UV-Licht sollen Geländer von Rolltreppen sauber werden. Das ist nicht nur hygienischer, sondern sorgt auch für mehr Sicherheit.

Es sind Bilder, bei denen man selbst vor dem Monitor zusammenzuckt: Menschen, die Rolltreppen hinabstürzen und andere mitreißen. Menschen, deren Gliedmaßen in den Maschinen eingeklemmt werden. Menschen, die in Einkaufscentern bei der Fahrt in die nächste Etage den Tod finden. Die Video-Plattform Youtube ist voll von solchen Horror-Szenen. Der Tüv Rheinland warnt seit Jahren vor Gefahren, die durch Rolltreppen ausgehen, und rät: Immer den Handlauf anfassen – wenn der nur nicht so ekelig wäre.

Katharina Obladen und Tanja Nickel haben Talent darin, aus einer harmlos anmutenden Rolltreppe eine todbringende Keimschleuder zu machen. In fünf Minuten Gespräch lernt man Dinge über Viren und Bakterien an Geländern, nach denen man in Einkaufszentren oder Bahnhöfen lieber doppelt vorsichtig ist. Die gute Nachricht der beiden ist: Sie haben eine Lösung.

Die Metallbox ist knapp 50 Zentimeter lang und wiegt 5,9 Kilogramm. „Escalite“ heißt die Erfindung der beiden, mit der Rolltreppen-Handläufe entkeimt werden können. 2016 haben die beiden das Start-up „Uvis“ gegründet, um ihre Idee zu Geld zu machen. Während andere Gründer ihre Idee jedoch in kurzer Zeit zur Marktreife entwickeln, hat die Geschichte von Escalite einen etwas anderen Verlauf genommen.

Obladen (25) und Nickel (24) kennen sich praktisch ihr Leben lang. Ihre Geschwister spielten zusammen im Sandkasten, die Freundinnen gingen später gemeinsam in Köln aufs Gymnasium. 2010, da waren sie in der zwölften Klasse, fand dort ein Gründerwettbewerb statt. „Wir sollten ein Produkt erfinden, das es noch nicht gab“, sagt Obladen.

Damals hörte man überall Horror-Nachrichten über die Schweinegrippe, die sich seit 2009 weltweit ausbreitete. Die Nervosität war auch an der Erzbischöflichen Liebfrauenschule groß. Viele Mitschüler hätten Desinfektionsmittel dabei gehabt, um sich zwischendurch die Hände einzureiben, erzählt Tanja Nickel. Und die beiden Schülerinnen dachten sich: Da lässt sich doch was draus machen.

Die beiden überlegten, welche Oberflächen sie selbst unhygienisch finden. Die Liste war lang: herumliegende Kugelschreiber in öffentlichen Einrichtungen, das Tastaturfeld bei Bankautomaten, Knöpfe in Aufzügen – und Geländer von Rolltreppen. „Viele Leute stürzen, weil sie es ekelig finden, sich auf der Rolltreppe festzuhalten“, sagt Katharina Obladen.

Also fingen die beiden an zu recherchieren. Irgendwann stießen sie auf UV-Licht. „Wir wussten, dass damit auch in New York das Abwasser entkeimt wird“, sagt die 25-Jährige. Gemeinsam konstruierten die Mädchen eine Maschine, die mit UV-Licht Rolltreppen-Geländer säubert – und meldeten noch vor der Volljährigkeit ein Patent darauf an.

Die Bilderbuchkarriere schien programmiert. Doch dann prallte der Enthusiasmus der Erfinderinnen auf die Ignoranz der Industrie. Gespräche mit Herstellern endeten immer gleich: „Die haben die Idee nicht ernst genommen, als dort zwei Schülerinnen mit ihren Eltern im Büro saßen“, sagt Obladen. Immer wieder haben die beiden auch später diese Erfahrung machen müssen: Jung, weiblich, hübsch – in der männerlastigen Industrie-Welt beißt sich diese Kombination mancherorts offenbar immer noch mit Attributen wie klug und geschäftstüchtig, doofe Sprüche inklusive. „Wir haben deswegen von Anfang an versucht, uns möglichst gut auszukennen“, sagt Obladen. Die beiden fanden heraus, wie viele Rolltreppen es gibt – laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung waren es 2015 rund 30.000 in Deutschland -, wie diese funktionieren und mit welchen Materialien sich ihr Reinigungsgerät verbessern lässt.

Aufgegeben haben sie nicht. „Wir mussten immer wieder Zahlungen auf unser Patent leisten, deswegen war für uns eigentlich klar: Irgendwann müssen wir auch etwas draus machen“, sagt Tanja Nickel. Nach dem Abitur studierten die beiden, Obladen Wirtschaft, Nickel Jura, und feilten weiter an ihrem Produkt.

Mit Erfolg. Egal ob das Unternehmen heute Thyssenkrupp, Schindler oder Otis heißt, ob es um Verkehrsbetriebe oder Zulieferer geht – nach und nach haben sich die beiden Gründerinnen zu den richtigen Ansprechpartnern durchgekämpft. An zwei Bahnhöfen laufen momentan Test-Projekte, vier Module haben die beiden im Ausland verkauft – und natürlich hoffen sie darauf, dass der Absatz langfristig steigt. „Die Deutsche Bahn will mehr Sicherheit und Sauberkeit, unser Produkt wäre ein Maßnahme“, sagt Nickel.

Denn diese Kombination ist ihr wichtigstes Verkaufsargument: Dass es sinnvoll ist, hygienisch saubere und keimfreie Rolltreppen zu haben, würde wohl niemand bestreiten. Aber dafür auch Geld ausgeben? Das überlegt sich mancher Unternehmer zweimal. Also mussten Obladen und Nickel weitere Argumente finden – und das nicht nur bei Youtube.

Statistiken darüber, wie Menschen Rolltreppen benutzen, haben sie nicht gefunden. „Wir haben dann selbst Daten erhoben“, sagt Katharina Obladen. Ergebnis: 70 Prozent der Nutzer halten sich nicht fest. 70 Prozent würden es aber tun, wenn sie sicher sein könnten, dass das Geländer sauber ist. „Das Bewusstsein, dass eine Rolltreppe eine gefährliche Maschine ist, ist nicht vorhanden“, so Obladen. Viele Menschen würden sogar ihre Schuhe zur Reinigung an die Bürsten halten, die links und rechts der Stufen angebracht wurden, damit nichts eingesogen wird. Laut Tüv Rheinland ist das eine der häufigsten Unfallquellen.

Bei vielen Unternehmen wie dem Online-Händler Amazon ist es deswegen Pflicht, auf dem Firmengelände den Handlauf anzufassen. „Unternehmen geht es um ihre Unfallstatistik, darum, meldepflichtige Unfälle zu vermeiden“, sagt Obladen: „Wir haben dafür eine Lösung.“

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