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Es kann immer noch schlimmer kommen

Wenn Manager Projekte planen, rechnen sie dabei oft nicht den schlimmsten anzunehmenden Fall durch. Das sei ein Fehler, meint Sicherheitsberater Rainer von zur Mühlen. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr von zur Mühlen, welches Verhältnis haben Sie zum Begriff Sicherheit?

Von zur Mühlen: Es gibt keine Sicherheit. Aber es gibt zwei strategische Ansätze, sicherer zu werden: zum einen Gefährdungen zu reduzieren, zum anderen Schäden und Schadensfolgen zu mindern und zu bekämpfen. Das können schon ganz einfache Dinge sein. Wenn ich beispielsweise ein Zutritts-Kontrollsystem im Unternehmen einführe, muss ich auch dafür sorgen, dass die Steuerung dafür im geschützten Bereich montiert wird.

Müssen Sie so etwas tatsächlich Ihren Kunden erklären?

Von zur Mühlen: Das ist ja nur ein sehr einfaches Beispiel. Aber es beschreibt ganz gut ein Grundproblem der Aufgabenstellungen, die an Sicherheitsunternehmen und Berater herangetragen werden. Es ist wie in Murphy´s Gesetzen: In jedem kleinen Problem steckt ein größeres, das gerne heraus möchte. Deshalb betrachten wir das komplette Umfeld und denken alle Gefährdungen durch. Die Erfahrung lehrt: Wenn etwas schief gehen kann, geht es tatsächlich oft auch schief.

Wenn man sich gegen alle möglichen, fast undenkbaren Risiken absichern will, muss man ja auch die entsprechenden Vorkehrungen treffen. Ist das nicht unglaublich teuer?

Von zur Mühlen: Nein. Teuer ist es, sich keine Gedanken darüber zu machen. Die Sicherungsmaßnahmen selbst sind oftmals gar nicht so teuer. Und gemessen an den möglichen Schäden nehmen sich manche Maßnahmen geradezu lächerlich preiswert aus. Mir ist beispielsweise ein Fall bekannt, in dem ein Startup eine Produktion für die Herstellung besonders preiswerter Chips aufgebaut hat. Die Halle war mit Reinraumtechnik ausgestattet. Als in der Nähe illegal Müll verbrannt wurde, ist der korrosive Rauch über die Klimaanlage in den Serverraum mit der Prozess-Steuerung gelangt. Das Unternehmen gibt es heute nicht mehr. Man hatte die Komplexität des Risikos nicht erkannt.

Wie hätte man das mit wenig Aufwand verhindern können?

Von zur Mühlen: Es gab keine Außenluftkontrolle auf externe Rauchquellen. Man hätte nur auf Umluft schalten müssen, und es wäre nichts passiert. Eine Investition von vielleicht zwei- bis dreitausend Euro in diesem Fall.

Beim Thema Sicherheit denkt man ja eigentlich nicht zuerst an Gebäudetechnik, Stromversorgung und Klimaanlagen sondern an Konzepte, die Betrügern, Dieben und Hackern das Leben schwer machen sollen…

Von zur Mühlen: Ja, es gibt Unternehmen, die sich nur auf diese Gebiete konzentriert haben. Aber wir arbeiten meistens als sogenannter Security Integrator. Wir denken Dinge in aller Konsequenz zu Ende und wollen dabei nicht nur Diebstahl-Risiken aufdecken und ihnen mit entsprechenden Maßnahmen begegnen. Unser Ziel ist es eher, eine Verfügbarkeit von Systemen sicherzustellen. Die Risiken sind manchmal menschlicher Natur, manchmal aber auch systemimmanent in Organisation und Technik.

Das klingt etwas abstrakt.

Von zur Mühlen: Nehmen Sie konkret die Verfügbarkeit der Deutschen Bahn. Die ICE-Klimatisierung ist auf eine Außentemperatur von maximal 32 Grad ausgelegt. Das hat sich die Bahn nicht ausgesucht. Das ist die vorgeschriebene Norm. Das Problem dabei: Steigen im Sommer die Temperaturen darüber hinaus, vereisen in den ICEs die Klimaanlagen, und die Züge stehen.

Was würden Sie als Verfügbarkeits-Experte raten?

Von zur Mühlen: Der Bahn müsste erlaubt werden, besser als die Norm zu sein. Wir raten bei Kühlsystemen, darauf zu achten, dass sie auch noch bei einer Außentemperatur von 36-38 Grad Celsius funktionieren. Die Auswirkungen des Klimawandels sind in unseren Breitengraden ja längst nicht mehr nur ein theoretisches Risiko.

Wie decken Sie Risiken auf?

Von zur Mühlen: Wir stellen Fragen, die sich vorher niemand gestellt hat. Dafür braucht es manchmal viel Phantasie und Erfahrung. Oft ist es aber auch einfach eine gesunde Portion gesunden Menschenverstandes, die Schwächen von Planungen oder Systemen offenlegt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Von zur Mühlen: Vor ein paar Jahren wollte ein großes deutsches Unternehmen seine Produktion nach Polen verlagern, weil eine namhafte internationale Wirtschaftsberatung vorgerechnet hatte, wie viel günstiger es dort sei. Wir sollten das Konzept des Beraters überprüfen und haben daraufhin einen Katalog von 160 Fragen formuliert. Zum Beispiel war uns nicht klar, warum – wie der Berater vorgeschlagen hatte – irgendein anderes Unternehmen Grundstücke und vor allem das Großrechenzentrum in Deutschland kaufen sollte, wenn es doch offensichtlich so viel günstiger war, in Polen zu arbeiten. Außerdem hatten wir Nachforschungen angestellt und dabei herausgefunden, dass der Polizeipräsident in der Provinz, in der das Werk gebaut werden sollte, extrem korrupt war. Das vorgeschlagene Sicherheitskonzept der Beraterfirma hätte gar nicht funktioniert. Abgesehen davon, gab es in der Umgebung keine Infrastruktur, mit der die Wartung der Maschinen hätte gewährleistet werden können.

Hat die Beraterfirma Ihren Fragenkatalog vollständig beantworten können?

Von zur Mühlen: Es gab eine Aufsichtsratssitzung mit Präsentation des Verlagerungskonzepts. Bereits nach der elften Frage wurde die Idee der Verlagerung der Produktion nach Polen verworfen.

Sie decken also Risiken auf, indem Sie ständig fragen, was schief gehen kann. Es muss anstrengend sein, immer in Krisenszenarien zu denken.

Von zur Mühlen: Nein ganz und gar nicht. Mein Beruf ist sehr spannend. Ich möchte mit Niemandem tauschen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE MATTHIAS VON ARNIM

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