NRW

Region Aachen: Bildung und Bytes statt Bagger und Braunkohle

Streetscooter Post Flotte 2016, Foto: Pressebild

Die Region Aachen entwickelt sich vom Industrierevier zum Forschungs- und Hightech-Standort. Doch noch gilt es einige Hürden zu überwinden.

Wer wissen will, wie die Wirtschaftsregion Aachen funktioniert, sollte in Bonn nachfragen. Genauer gesagt in der Zentrale der Deutschen Post AG. Dort reagiert man geradezu euphorisch, wenn die Rede auf eine Konzerntochter kommt, die aus Aachen stammt. Die Post will nämlich mittelfristig ihre gesamte Zustellflotte auf Elektrofahrzeuge umstellen. Sie wäre damit Vorreiter bei einem Zukunftsthema, mit dem sich die großen deutschen Autokonzerne eher schwertun.

Deutsche Post kauft Aachener Start-up gleich ganz

Entscheidenden Anteil daran hat ein kleines Unternehmen, das 2010 als Ableger der RWTH in Aachen gegründet wurde: die Streetscooter GmbH. Das erste Elektromobil aus dieser Ideenschmiede war ein kleiner weißer Flitzer mit blauem Dach, zu sehen auf der Internationalen Automobilausstellung 2011. Kurz darauf erteilte die Post den Aachener Ingenieuren den Auftrag, ein Zustellfahrzeug zu entwickeln, Ende 2014 kaufte die Post das Start-up gleich ganz.

Heute fahren gelbe E-Mobile made in Aachen durch Bonn, Köln oder Bochum, bis Ende des Jahres sollen es 2000 in ganz Deutschland sein. Ab 2017 will die Post 10.000 Streetscooter jährlich produzieren. Hergestellt werden die Fahrzeuge weiterhin auf einem Gelände, auf dem einst Schienenfahrzeuge produziert wurden, bis Bombardier den Laden 2012 dichtmachte und viele Mitarbeiter vor dem Nichts standen. Nicht zuletzt Streetscooter gab ihnen eine neue Perspektive. Das Beispiel steht exemplarisch für die Region Aachen, die gerade dabei ist, sich von einem Industrie- in einen Hightech- Standort zu verwandeln.

Was kommt, wenn die Bagger gehen? Gute Infrastruktur schützt vor Krisen nicht

Nicht viele Landstriche haben ein vergleichbares Technologiepotenzial, jeder zehnte in Deutschland beschäftigte Forscher arbeitet hier. Die Innovation speist sich aus namhaften Forschungseinrichtungen wie der Exzellenzhochschule RWTH, größte Technische Universität Westeuropas und mit knapp 10.000 Beschäftigten größter Arbeitgeber der Region, dem Forschungszentrum Jülich, drei Fraunhofer-Instituten sowie diversen Fachhochschulen und Forschungs- und Entwicklungslabors großer Unternehmen.

Natürlich schützt eine gute Infrastruktur allein nicht vor Krisen – aber sie hilft, adäquat auf sie zu reagieren. Und das wird notwendig sein. Denn auf die große aktuelle Frage in Aachen und Umgebung gibt es noch immer keine zufriedenstellende Antwort: Was kommt, wenn die Bagger gehen? Das Ende des Braunkohleabbaus im Rheinischen Revier ist absehbar. 10.000 Arbeitsplätze sind damit direkt verbunden, weitere 10.000 indirekt. Für die Aachener Region ist es nicht der erste Strukturwandel, die Menschen mussten in den vergangenen Jahrzehnten schon das Ende der Steinkohleförderung und den Untergang der Tuch- und der Nadelindustrie verkraften.

Doch diesmal kommt der Wandel sehr viel schneller und heftiger, als es noch vor wenigen Jahren zu erwarten war. Niemand kann sagen, wie viele Arbeitsplätze in zehn oder 20 Jahren noch von der Braunkohle abhängen werden. Für die Beschäftigten müssen Alternativen her – und zwar schnell. „Wir dürfen nicht erst eine Notlage abwarten, sondern wir müssen vorausschauend agieren“, sagt Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Aachen. „Der Strukturwandel ist nicht per se gefährlich, sondern bietet Chancen – wenn man ihn denn gestaltet und nicht über sich ergehen lässt.“ Schon nach dem Ende der Steinkohleförderung 1997 musste sich die Region neu erfinden. Damals wurde der Grundstein für den Technologiestandort gelegt.

Darüber hinaus bietet das Gebiet zwischen Wegberg und Blankenheim, zwischen Aachen und Nörvenich viele strukturelle Vorteile: Die Kreise Heinsberg und Euskirchen können mit touristischen Angeboten und zahlreichen Gewerbeund Produktionsflächen punkten. Es gibt eine solide mittelständische Wirtschaft, viele der Unternehmen sind familiengeführt, es gibt keine Monokulturen. Im Zusammenspiel mit den herausragenden Bildungs- und Forschungseinrichtungen sieht IHK-Chef Bayer jede Menge Entwicklungspotenzial: „Diese Struktur ist der Schlüssel für die Zukunft.“

Eines von sechs Digitalisierungszentren in NRW: Der „Digital Hub“ in Aachen

Dank der geballten Entwicklungskompetenz konnte sich eine ausgeprägte Gründerkultur entwickeln. Vor Kurzem wurde in Aachen der „Digital Hub“ gegründet, eines von sechs Digitalisierungszentren in Nordrhein-Westfalen. 100 regionale Unternehmen und Organisationen hatten dafür als Anschubfinanzierung 1,5 Millionen Euro an Eigenmitteln zur Verfügung gestellt. Industrie, Start-ups, IT-Mittelstand und Wissenschaft sollen hier zusammengebracht werden, um die Digitalisierung in der Region voranzutreiben. „Es geht darum, etwas zu versuchen, zu spinnen, Dinge einfach zu machen“, schwärmen die Initiatoren. Und vor allem: Das Thema soll sichtbar gemacht werden.

Selbstverständlich generiert man mit solchen Maßnahmen nicht sofort Arbeitsplätze. Selbstverständlich werden nicht alle der gut 90.000 Unternehmen und Handwerksbetriebe der Region daraus direkten Nutzen ziehen können. Aber im besten Fall stellt man Weichen für die Zukunft. Das wäre auch in anderen Bereichen nötig, denn natürlich bleibt auch der äußerste Westen der Republik nicht von den Problemen des gesamten Wirtschaftsstandorts Deutschland verschont. Etwa bei der Infrastruktur: Die Region liegt im Herzen Europas, in direkter Nachbarschaft zu Belgien und den Niederlanden. Beide Länder sind die wichtigsten Handelspartner für die hiesigen Unternehmen, die mit mehr als 45 Prozent eine sehr hohe Exportquote haben.

Direkt vor der Haustür liegen mit den Häfen Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam riesige Umschlagplätze für Güter aller Art. Das bringt Chancen, aber auch gewaltige Probleme mit sich. Denn die Häfen prognostizieren eine Zunahme ihres Güterumschlags um 67 Prozent bis 2030; bis dahin soll die Hälfte der Transitverkehre im Rheinland einen Bezug zu diesen Häfen haben. Das heißt übersetzt: Es wird noch mehr los sein auf den Autobahnen und Bahnstrecken der Region. Das zentral gelegene Autobahnkreuz Aachen, das zum Leidwesen vieler Autofahrer seit Langem aufwendig ertüchtigt wird, könnte deshalb schon bald wieder zu klein sein.

Dass das seit Jahren von der Wirtschaft geforderte dritte Gleis auf der Strecke Aachen–Düren–Köln offenbar endgültig vom Tisch ist, trägt nicht gerade zur Entspannung bei, auch wenn jetzt intensiv über „geschmeidige“ Alternativen wie Überholmöglichkeiten, Parkgleise und einen angepassten Fahrplan nachgedacht wird. Und ob sich der große Güterumschlagplatz, mit dem die ganze Region von den wachsenden Verkehrsströmen profitieren könnte, doch noch realisieren lässt, ist zumindest fraglich.

Die Internationalität tut der Region im Dreiländereck gut

Auch der Fachkräftemangel ist ein großes Thema in der Region. Die RWTH und die Fachhochschulen bilden Tausende junger Menschen aus, doch (zu) viele ziehen nach Abschluss des Studiums weg; die Unternehmen der Region konkurrieren mit Konzernen aus ganz Deutschland um die hoch qualifizierten Absolventen – und sind dabei meist chancenlos. Das blockiert die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort. Bislang gelingt es nicht in ausreichendem Maße, den jungen Akademikern die Vorzüge einer Region nachhaltig schmackhaft zu machen, die mit einem breiten Spektrum an Arbeitgebern – vom traditionellen Maschinenbauer bis zum hoch spezialisierten IT-Start-up – aufwarten kann und viel Lebensqualität bietet.

Standortmarketing kann manchmal ganz schön schwierig sein. Zur Lebensqualität gehört auch die Internationalität der Region im Dreiländereck. Man ist es hier gewohnt, entspannt mit anderen Kulturen und Nationen umzugehen. Das könnte eines Tages tatsächlich zu einem Standortvorteil werden, wenn es darum geht, dringend benötigte Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. „Diese Offenheit ist den Menschen hier in die Wiege gelegt“, sagt IHK-Chef Bayer. Auch daraus schöpft er seinen Optimismus für die Zukunft: „Ich glaube daran, dass wir unsere Potenziale nutzen werden. Wir können einfach nicht so dumm sein und am Ende schlechter dastehen als andere Regionen mit deutlich weniger Potenzial.“

Auf dem Bild: Die Streetscooter Flotte der Post made in Aachen. (Quelle: streetscooter.eu)

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