Startschuss

Was kann im schlimmsten Fall passieren? – Eine Wertschätzung für die eigene Gründung

„Ich sitze am Schreibtisch und blicke aus dem Fenster. Was mache ich hier eigentlich? In den letzten Wochen ist es wieder besonders schlimm – gerade morgens. Vielleicht sollte ich mich doch selbstständig machen?!“

So oder so ähnlich fangen die meisten Texte an, die uns motivieren sollen, über ein eigenes Unternehmen nachzudenken. Aber das halte ich schlicht gesagt für Blödsinn.

Warum? Nun, sollte ich mich für eine Existenzgründung entscheiden, weil mein derzeitiger Beruf mich nicht erfüllt? Ich denke nicht. Das wäre so, als würde ich Eis anstelle von Schokolade essen, um abzunehmen. Selbstständigkeit ist eine bewusste Entscheidung und in der Regel kein Ausweg aus der derzeitigen Trostlosigkeit. Versteh mich da nicht falsch, aber wenn dein derzeitiger Job dich nicht erfüllt, dann such dir zunächst einen anderen. Eine Gründung ist in den seltensten Fällen die richtige Lösung.

„Wie erkenne ich denn dann bitte, ob ich bereit bin etwas Eigenes aufzubauen und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?“ Nun, ich glaube keine Frage ist mir in den letzten Jahren öfter gestellt worden und die Antwort ist dennoch so simpel. Die richtige Antwort lautet: „Gar nicht. Du wirst nie wissen, ob der richtige Zeitpunkt gekommen ist und ob du genau diesen Weg gehen solltest.“ Ich hoffe, das klingt dir nicht zu trist, aber es ist eben so. Es wird nie ein Stern am Himmel aufgehen oder einen magischen Moment am Frühstückstisch geben. Aber weißt du was? Das ist auch gut so. Warum?

Nun, wenn es keinen Moment gibt auf den du warten musst, dann kann jeder Moment der Richtige sein.

Wenn ich an meine eigene Existenzgründung zurückdenke, dann gab es diesen Moment ebenfalls nicht, aber es gab einen Wunsch. Einen Wunsch, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und über mein berufliches Schicksal selbst zu bestimmen. Vielleicht klingt dir das zu romantisch, aber genau das war es für mich. Wenn andere sich ein Fahrrad gewünscht haben, war mein Wunsch irgendwann eine eigene Firma zu haben. Natürlich nicht mit 10 Jahren, aber den Wunsch habe ich immer in mir getragen und es war mir klar, dass ich mir diesen Wunsch nur selbst erfüllen kann. Hier gab es auch keinen anderen Menschen, der mir die Entscheidung abgenommen hätte. Es gab auch keinen Vorfall in meinem Angestelltenverhältnis oder sonst etwas, der ein konkreter Auslöser gewesen wäre.

Erkenntnisse eines Kopf-Menschen

Als gelernter BWLer treffe ich viele Entscheidungen bedacht und halte mich da für einen Kopf-Menschen. So habe ich auch am Anfang meiner Selbstständigkeit eine Pro- & Contra-Liste erstellt. Ich habe Argumente für eine Gründung gesammelt und solche, die dagegensprechen. Am Ende hatte ich auf der Contra-Liste 10 Punkte stehen und auf der Pro-Seite waren es fünf. Unsicherheiten, mehr Risiko, kein festes Gehalt, keine bestehenden Kunden und zunächst kein Geld für die Gründung standen gegen die Freiheit und die eigene Entscheidung. Das Ergebnis dieser Liste hätte eigentlich sein müssen, dass ich weiter angestellt bleibe. Manchmal kommt es dann eben anders. Es kommt nicht auf die Anzahl der Argumente, sondern auf deren Tragkraft an.

„Mit 26 Jahren stürzt du dich in dein Unglück.“

Sammle doch erstmal ein paar Erfahrungen und dann kannst du dich immer noch selbstständig machen. Ich glaube solche Sätze habe ich am Anfang zu Genüge gehört. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern viel mehr von Menschen, die mich vor einer Fehlentscheidung schützen wollten. So habe ich natürlich lange darüber nachgedacht, wie der Weg für mich aussehen soll. Irgendjemand muss schließlich noch die 15.000 Euro Bafög zurückzahlen. In diesem Moment habe ich gelernt, dass niemand außer mir mein Schicksal bestimmt.

Was mir dabei sehr geholfen hat …

… war die Vorstellung meiner eigenen Zukunft. Wenn ich über meine berufliche Karriere nachgedacht habe, habe ich mich nie in einem Firmenporsche gesehen, der dicke Deals für das Unternehmen reinholt.  Natürlich kann das erstrebenswert sein, dennoch war das nie mein persönliches Ziel. Ich habe mich selbst auf einer Bühne gesehen, in Gesprächen mit Gründern oder beim Einrichten meines eigenen Büros. Genau diese Gedanken haben mich glücklich gemacht und genau das wollte ich unbedingt. Ich finde diesen Blick in die eigene Zukunft sehr hilfreich. Wer, wenn nicht ich, weiß wohin ich will. Natürlich kann ich leicht reden. Ich hatte zu der Zeit keine Frau und auch keine Kinder und das Risiko war allein meines. Ich verstehe viele potenzielle Gründer in meinem Büro, die sich genau um diese Umstände Gedanken machen. Hier muss ich genau abwägen, ob mein Wunsch, dem Glück und der Sicherheit meiner Familie im Wege steht. Oft, gibt es aber bei zwei Lösungen eine dritte, die beide Seiten glücklich macht.

Meine Definition von Erfolg

„Ich geh in den Wald Pilze finden.“, heißt es so schön bei Janosch. Einer meiner Lieblingssätze, weil das Ergebnis bereits Bestandteil der Aufgabe ist.

Eine Selbstständigkeit klappt nur mit 120 Prozent Hingabe. Schließlich sagt man so schön: „Selbst und ständig.“ Ich glaube der Satz sollte aus dem Sprachgebrauch gestrichen werden, weil es Quatsch ist. Ja richtig: Quatsch. Warum? Nun, wenn man etwas Eigenes aufbaut, braucht man in erster Linie Leidenschaft und Glaube an sich selbst und ja, natürlich auch Zeit. Aber es geht wie bei allen Dingen darum, wie man diese Zeit richtig einsetzt. Ich erinnere mich an meine Zeit in der Unternehmensberatung. Wenn ich abends um 19 Uhr heimging, kann ich mich an einen Kollegen erinnern, der mich mit der Frage: „Machst du nur einen halben Tag?“, verabschiedete. Am nächsten Morgen beim Chef, stellte sich nicht selten heraus, dass der nette Kollege sein Projekt trotz eines Arbeitstages bis 23 Uhr nicht fertiggestellt hatte. Bei einer erfolgreichen Gründung kommt es vor allem oft die richtige Priorisierung und den passenden Fokus auf die wichtigen Dinge an und eben nicht darauf, ob man 70 Stunden die Woche arbeitet. „Felix, du arbeitest doch bestimmt von morgens bis abends“, ist ein anderer Satz, den ich oft höre. Oft antworte ich überraschend darauf, dass ich in meiner eigenen 4-Tageswoche auch schon mal bis 9 Uhr schlafe oder um 15 Uhr Feierabend mache. Natürlich habe ich auch andere Tage, aber insgesamt kann ich jetzt nach einigen Jahren sagen, dass ich weniger arbeite und mehr verdiene. Das ist für mich meine persönliche Definition von Erfolg. Je mehr Zeit ich für andere Dinge habe, je eher definiere ich mich persönlich als erfolgreich.

Ein Gummibaum

Zu Beginn meiner Selbstständigkeit hat meine Großmutter mir einen Gummibaum geschenkt, der nach ihrer eigenen Auskunft für Geld sorgen sollte. Natürlich war mir klar, dass das nicht funktionieren kann, aber ein bisschen symbolischer Glaube kann doch nicht schaden. Wenn ich an die Anfangszeit zurückdenke, waren die eher von Rückschlägen geprägt. Aber was bleibt, sind letztendlich die positiven Erfahrungen. Der erste Auftrag über 1.000 Euro. Wahnsinn, dass mir jemand so viel Geld bezahlt für meine Leistung. Ein unbeschreibliches Gefühl, dass mich in meiner Entscheidung unfassbar bestätigt hat – Gänsehaut am ganzen Körper. Natürlich reichen 1.000 Euro als Gründer nicht lange, aber für eine Flasche Sekt von Aldi hat es definitiv gereicht.

Dein eigenes Sicherheitsnetz

Mir hat mal ein schlauer Mensch eine Frage gestellt: „Felix, was kann im schlimmsten Fall passieren?“ Ich habe lange über die Frage nachgedacht und meine Antwort war: „Nichts.“ Nichts Schlimmes kann mir widerfahren, wenn ich mich selbstständig mache. Im schlimmsten Falle würde ich scheitern und würde dennoch unfassbar viele Erfahrungen sammeln. So würde ich selbst beim Scheitern gewinnen. Eigentlich doch eine wunderbare Erkenntnis, oder? Allein die Erfahrung im ersten Jahr meiner Gründung hat mich unglaublich wachsen lassen und mich zu einem wirklichen Unternehmer gemacht.

Egal, wie lange du über eine eigene Gründung nachdenkst, der richtige Moment kommt ganz von allein. Und wenn er nicht kommt? Dann bist du dort, wo du geradestehst, genau richtig. Aber wenn du ohne erkennbaren Grund, das Gefühl hast, dass dieser Moment nun gekommen ist, dann ergreife ihn und schreite voller Mut und Zuversicht voran:

Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Bleib mutig!

Felix – felixthoennessen.de

Der Düsseldorfer Felix Thönnessen berät Gründer und coacht auch die Start-ups vor ihrem Auftritt in der Vox-Sendung “Die Höhle der Löwen”. Ihr könnt jeden Montag in unserem Blog von seinem Rat profitieren. In seiner Kolumne “Startschuss — mit Coach Felix in eine neue Gründerwoche” machen wir euch fitter für den Gründeralltag.

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