Gastbeiträge

Was Parteien von Start-ups lernen können

Nicht nur Unternehmen sehen sich angesichts der großen Themen Digitalisierung und Globalisierung vor neuen Herausforderungen. Auch die politischen Parteien sollten sich neu aufstellen – und können sich dabei einiges von Start-ups abschauen, schreibt der Grünen-Politiker Matthi Bolte in einem Gastbeitrag.

Unser demokratisches System erlebt gerade eine disruptive Phase. Wertewandel und Diskursverschiebung provozieren tiefgreifende Veränderungen, auf die die Parteien ebenso verunsichert reagieren wie die Gesellschaft insgesamt. Dabei müssten gerade sie es sein, die in diesen Umbruchprozessen den Menschen Orientierung bieten. Leider passiert auf beiden Seiten das Gegenteil, die Unsicherheit wächst – nicht zuletzt, weil Globalisierung und Digitalisierung an Dynamik zunehmen.

Ähnliche Unsicherheiten erleben gerade auch viele Unternehmen. Die Digitalisierung wirbelt alles durcheinander, niemand weiß, ob und welche Zukunft sein Unternehmen hat. Viele Unternehmer stellen deshalb ihr Geschäftsmodell auf den Prüfstand und finden Antworten in der Start-up-Szene, deren Angehörige agil und proaktiv arbeiten. Zugleich sind Start-ups ein Schlüssel zur Digitalisierung der Gesellschaft.

Auch Parteien können von Start-ups lernen – vorausgesetzt sie sind bereit dazu. Unser Land verändert sich ebenso wie die gesellschaftlichen Erwartungen an Politik. Parteien können diesem Prozess nicht mit alten Antworten begegnen, sie müssen Neue entwickeln. Aber bevor sie neue Antworten geben können, müssen sie zuhören. Und vor allem aufhören, Antworten zu geben, bevor überhaupt eine Frage gestellt wurde. Neue Wege der politischen Arbeit und Kommunikation erfordern immer Mut. Diesen Mut und die Zuversicht, dass Neues gelingen wird, können wir uns von Start-ups abschauen:

  1. User-Zentrierung
    Start-ups sind nah am Kunden. Das ist keine Floskel, sondern Methode, denn die meisten Produkte werden durch ehrliches Testen an echten Kunden weiterentwickelt. Wer diese Methoden beherrscht, hat einen enormen Vorteil am Markt. Von dieser Haltung können wir Parteien lernen. Statt zaghafter Haustürwahlkampf-Experimente brauchen wir einen permanenten Austausch, um zu wissen, was die Menschen im Land bewegt. In direkter Nachbarschaft Deutschlands gibt es genau dafür ein gutes Vorbild. Bei Emmanuel Macrons „Grande Marche“ befragten freiwillige Helfer mehr als 100.000 Franzosen, was sie interessiert, was sie ärgert und wovon sie träumen. Die Antworten wurden schließlich zu Macrons Wahlprogramm.
  2. Become a Part of
    Start-ups sind untereinander eng vernetzt und bilden mit diversen Kooperationspartnern ein „Ökosystem“. Auch Parteien und Politiker müssen sich wieder stärker mit ihrem „Ökosystem“ aus Bürgern, Unternehmen und Zivilgesellschaft austauschen. Nur wenn sie ihnen ehrliches Interesse entgegenbringen, bekommen sie ehrliche Aufmerksamkeit zurück. Nur mit dieser Offenheit lässt sich bessere Politik machen.
    Startups kämpfen, und die Gründerteams kämpfen gemeinsam. Ihr Erfolg zeigt: Wenn man gemeinsam kämpft, bleiben immer noch genügend Räume für individuelle Erfolge. Das gilt auch in einem Geschäft wie der Politik, wo die Zeit der reinen Ego-Shooter endlich vorbei sein muss.
  3. Offen, authentisch und Spaß dabei
    Politik und Parteien müssen wieder attraktiver werden und zum Mitmachen einladen. Das bedeutet eine Kulturrevolution. Denn in der Parteiarbeit geht es – nicht nur, aber insbesondere für die Generation Y – nicht mehr nur darum, konkrete politische Ziele zu erreichen. Es geht um Spaß an der Parteiarbeit, an der Beteiligung, um Wertschätzung von Ideen – kurz: um die Lust, gemeinsam die Welt zu bewegen. Diese Lust auszustrahlen gelingt mit guter Laune, neuen Formen der Mitarbeit und vor allem durch weniger verbitterte interne Kämpfe. Auch Regieren ist keine Last, und Regierende tun gut daran, über das Erstellen von Gesetzen, Verordnungen und Masterplänen nicht ihre ursprüngliche Mission zu vergessen.
    Der Tischkicker hat Einzug in den Büroalltag gefunden. Er steht für die Freude am Tun. Und das hat auch Wirkung nach außen: Wenn es intern Spaß macht, zusammen an gemeinsamen Zielen zu arbeiten, kann das auch in der Außenwirkung Lust machen, sich und seine Ideen einzubringen. Der Kicker darf aber nicht zur symbolischen Aufbruchsgeste verkommen. Wer mitmachen will, muss mit all seinen Fähigkeiten willkommen sein. Wie in Start-ups, muss auch in der Politik jede Idee es Wert sein, abgewogen und diskutiert zu werden.
  4. Start-up-Methoden
    Agile Methoden sind darauf ausgelegt, möglichst schnell Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu entwickeln, zu testen und zu optimieren. Aber auch Formate ohne „Silo-Denken“ wie Meet-ups oder Start-up-Sprints, in denen unterschiedliche Menschen gemeinsam Probleme lösen, machen den Erfolg der Start-up-Szene aus. Solche Methoden und Formate können Parteien helfen, in schnelleren Prozessen mit breiterer Beteiligung zu Antworten auf die drängenden Fragen zu kommen.
    Diese Methoden setzen flache Hierarchien voraus. Deshalb müssen Herrschaftsrituale und Machtgesten immer wieder hinterfragt und abgebaut werden. Mit agilen Methoden und Formaten können Parteien ihre Mitglieder mehr zu Wort kommen lassen und auch die Außenperspektive in den Laden holen – wenn sie sich darauf einlassen. Start-ups zeigen uns aber auch, wie wichtig neben agilen Methoden auch eine Kultur der Offenheit und Transparenz nach innen ist. Und noch eine Start-up-Binse muss bei uns ankommen: Scheitern ist auch in der Politik erlaubt!
  5. Think big, think radical!
    „Mein Produkt ist super, warum sollten das nicht eine Milliarde Menschen nutzen?“ – dieses Selbstvertrauen von Start-up-Gründern sollten Parteien bei ihren Mitgliedern fördern und nicht verhindern. Jede Idee hat erstmal einen Pitch verdient, einen offenen und unvoreingenommenen Austausch über ihre Realitätstauglichkeit. Wer diesen Raum nicht zulässt, verhindert Kreativität und damit Wachstum. Keiner Partei tut es gut, ausschließlich im eigenen Saft zu schmoren, gesellschaftliche Veränderungen zu ignorieren und sich der Entwicklung von neuen Zielen und Antworten aus tradierter Bequemlichkeit zu verschließen. Es mag einfacher sein, von der 10-Prozent-Seitenlinie aus die Erosion des Parteiensystems zu beobachten und zu kommentieren, was die Anderen alles falsch machen. Es muss aber darum gehen, sich zu fragen: „Welche Möglichkeiten bieten sich mir?“. Progressive Parteien stoßen in entstehende Lücken vor, entwickeln neue Antworten auf ökologisch-soziale Fragen und füllen diese mit neuen Ideen und Konzepten, im Sinne von Grundrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
    Wer von seiner Mission überzeugt ist, sollte selbstbewusst seine großen Ziele in die Welt tragen.
Matthi Bolte. Foto: Christoph Reichwein

Matthi Bolte im NRW-Landtag (Archiv). Foto: Christoph Reichwein

Der Autor ist Mitglied der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag NRW und dort für die Bereiche Wissenschaft, Innovation, Digitalisierung und Datenschutz zuständig.

(Hauptfoto: canadastock/Shutterstock.com)

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