Bonn NRW

Frank Thelen – die beginnende Entzauberung eines „Löwen“

Die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ hat den Bonner Start-up-Investor Frank Thelen berühmt gemacht. Doch nun bekommt sein Image erste Kratzer.

In wenigen Stunden wird Frank Thelen auf Barack Obama treffen. Der Bonner Investor soll genau wie der einst mächtigste Mann der Welt beim „World Leadership Summit“ in Köln auftreten. 14.000 Zuschauer werden erwartet, manche haben bis zu 5000 Euro bezahlt, um den früheren US-Präsidenten zu sehen. Während der Fahrt nach Köln schwärmt Thelen am Telefon von Obamas Redekünsten. Und dann sagt er einen typischen Thelen-Satz: „Ich bin schon hoch vernetzt, auch in Königshäuser, aber so eine Persönlichkeit wie Barack Obama habe ich noch nicht getroffen.“

Wenn Frank Thelen über Frank Thelen redet, unterstreicht er seine eigene Bedeutung gerne dadurch, dass er auf prominente Kontakte verweist. Kanzler oder Königshäuser – Thelen kennt sie alle.

Aus dem nahezu unbekannten Start-up-Investor, der mit Investitionen in Apps wie Mytaxi und Wunderlist Erfolge feiern konnte, ist dank dieser Art und der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ ein deutschlandweit bekannter Promi geworden.

Mit seiner Geschichte vom Jungen, der in der Schule Schwierigkeiten hatte, als Unternehmer zunächst scheiterte und dann mit Start-ups doch noch Millionen verdiente, ist Thelen zur Marke geworden – samt eigenem Eintrag beim Deutschen Patent- und Markenamt. Das haben sonst Musikstars wie Helene Fischer oder der Rapper Kollegah. Und der 43-Jährige versteht es, diese Bekanntheit zu Geld zu machen, mit Büchern, Vorträgen oder Kooperationen.

An dieser Stelle könnte die Geschichte bereits zu Ende sein, verwerflich ist daran schließlich nichts. Doch bei Thelen kommt noch eine weitere Komponente hinzu – er ist inzwischen Berater der Politik. In NRW holte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) Thelen in seinen digitalen Beirat, auf Bundesebene stellte der Bonner ein solches Expertengremium mit der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU), gleich selbst auf. Und da interessieren Thelens Geschäfte, mögliche Interessenkonflikte und generell seine Glaubwürdigkeit plötzlich doch.

Warum zum Beispiel sitzen in Bärs Beirat „Innovation Council“ mit Zoe Adamovicz von Neufund und Daniel Wiegand von Lilium Aviation gleich zwei Gründer von Start-ups, in die Thelen investiert hat? Der sagt, dafür gäbe es einen einfachen Grund: „Die Szene ist sehr klein, und ich wollte Themen wie Blockchain und Flugtaxis vertreten wissen.“ Er wäre auch offen gewesen, andere aufzunehmen, kenne aber keinen, der technologisch so weit sei.

Doch an dieser Darstellung gibt es zumindest mit Blick auf Neufund Zweifel. Das Berliner Start-up wollte ursprünglich eine Plattform bauen, auf der mithilfe der Blockchain-Technologie Unternehmensanteile gehandelt werden können. So sollten sich auch Privatanleger bei Wagniskapitalfinanzierungen beteiligen können. Doch die Resonanz blieb überschaubar, das erste Unternehmen an der Neufund-Börse war Neufund selbst. Laut „Manager Magazin“ hatten professionelle Investoren zuvor abgewunken.

Gleichzeitig verschärfte die Finanzaufsicht Bafin die Anforderungen bei der sogenannten Prospektpflicht. Für Fintechs wie Neufund gilt plötzlich: Wer investieren will, muss mindestens 100.000 Euro einsetzen. Kleinanleger werden so faktisch ausgeschlossen. Trotz seines Netzwerks habe Neufund bislang nicht die gewünschte Regelung mit der Bafin, kommentiert Thelen des Rückschlag für sein Investment. Das zeige doch, dass der Vorwurf, er würde Gespräche mit der Politik für eigene Geschäftsinteressen nutzen, letztlich nichts anderes als eine Verschwörungstheorie sei.

Das mag sein. Doch die Frage ist, ob Thelen seine Bekanntheit bei Verbrauchern nicht zu leichtfertig einsetzt? Es ist etwas anderes, ob Thelen bei Privatpersonen für eine Kräutermischung wirbt, in die er in der Sendung „Die Höhle der Löwen“ investiert hat, oder für ein Investment in eines seiner Unternehmen. Frei nach dem Motto: Was soll schon passieren? Hier gibt es die Thelen-Garantie.

Wohin das führen kann, konnte man zuletzt bei von Floerke erleben. Über die Plattform Kapilendo sammelte das Bonner Start-up 1,2 Millionen von Kleinanlegern ein. Thelen, der zum damaligen Zeitpunkt mit knapp 17 Prozent an dem Herrenmode-Shop beteiligt war, machte in einem Video Werbung für das Unternehmen. Was die Investoren nicht erfuhren: Während die Kampagne auf Kapilendo lief, führte Thelen Gespräche über den Verkauf seiner Anteile.

Vielleicht wäre es folgenlos geblieben, wenn von Floerke nicht begonnen hätte, auch Alkohol über den Shop zu verkaufen; das Unternehmen geriet daraufhin in Schieflage. Plötzlich war sogar von einer drohenden Insolvenz die Rede, von geschönten Umsatzzahlen und Kontakten zu windigen Geschäftsmännern. Thelen tat überrascht. Er wollte zuvor nichts mitbekommen haben.

Doch es kam noch schlimmer. Seit Wochen verspottet von-Floerke-Gründer David Schirrmacher Thelen in Live-Videos bei Facebook – ziemlich häufig unter der Gürtellinie. Mal filmt er sich dabei, wie er sich vor der Kamera betrinkt, ein anderes Mal taucht er plötzlich beim „World Leadership Summit“ auf und filmt das Sicherheitspersonal, das angeblich extra dafür abgestellt wurde, Störungen während des Thelen-Auftritts zu verhindern. Der Veranstalter Gedankentanken bestätigt, dass ein paar Gäste gesondert beobachtet wurden, nachdem im Vorfeld Störungen angekündigt wurden.

Schirrmachers Videos werden teilweise mehrere zehntausend Mal aufgerufen. Statt über fliegende Autos und Blockchain zu philosophieren, muss sich Thelen plötzlich mit jemandem herumschlagen, der „Frank Thelen muss raus“-Boxen feilbietet. Der Investor versucht sich zu schützen, auch durch die Eintragung der Marke Frank Thelen, die den Missbrauch seines Namens erschwert.

Er habe versucht, die Sache vernünftig zu regeln, sagt Thelen. Aber es wirkt momentan nicht so, als sei das noch möglich – und die Marke leidet. Doch auch jetzt, nach all dem Ärger, ist er weiterhin überzeugt: „Ich habe mir in Bezug auf von Floerke nichts vorzuwerfen.“ Er habe nichts mit der Kapilendo-Kampagne zu tun, habe lediglich zu einem Zeitpunkt, als der Verkauf seiner Anteile noch nicht geplant war, in einem Video über das Unternehmen gesprochen.

Vielleicht ist es einfach nur Leichtfertigkeit, aber es gibt immer eine gewisse Unschärfe zwischen dem, was Thelen so klar und deutlich formuliert, und dem, was man vorfindet, wenn man genauer hinschaut – und dabei ist von Floerke nur ein Beispiel von vielen.  

In einem Podcast des Portals „Deutsche-Startups“ wurde Thelen zuletzt vorgeworfen, seine Beziehungen zu Amazon nicht transparent zu machen. Angesprochen auf die Vorwürfe, sagt Thelen, er habe vor drei oder vier Jahren mal eine Rede für Amazon Pay gehalten, mehr aber auch nicht. „Ich bin bei keinem Programm von Amazon dabei.“  

Laut Amazon ist Thelen allerdings eines von mehreren Testimonials für den Bezahldienst Amazon Pay. In einem im April 2017 veröffentlichten Werbevideo schwärmt er von den Vorzügen des Bezahldienstes. „Mit Amazon Pay greifen wir jetzt auf die größte Menge an registrierten Kunden zurück, die mit einem Klick bei uns bestellen können“, jubelt Thelen in dem Video: „Ich kann heute sagen, dass wir keine bessere Schnittstelle jemals implementiert haben als Amazon Pay.“

Ist das noch persönliche Meinung oder schon Werbung? Wenn man mit Start-up-Investoren spricht, ist das Urteil eindeutig. Da wird dann auch gerne mal auf ein Video des Elektroautoherstellers Tesla hingewiesen, in dem Thelen dessen Vorzüge preist. Die Handyverbindung auf der Fahrt zwischen Luxemburg und Köln ist etwas wacklig, aber dennoch ist Thelens Lachen gut zu hören. Alles Schwachsinn, soll das heißen. Er habe noch nie einen Euro von Tesla bekommen und bislang auch jeden seiner Tesla-Wagen zu 100 Prozent selbst bezahlt.

Je präsenter Thelen in den vergangenen Jahren öffentlich wurde, desto mehr nahmen die Lästereien in der Szene zu. Viele ärgert es, dass ausgerechnet Thelen überall der rote Teppich ausgerollt wird. Sie halten den Bonner nicht für einen der erfolgreichsten Start-up-Unternehmer und Investoren Europas, wie es auf dem Klappentext von Thelens Biografie heißt, die er im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Viele halten ihn für einen Blender.

Niemand will sich namentlich zitieren lassen, aber eine Meinung über den „Höhle der Löwen“-Star haben die meisten, mit denen man spricht. Er sei ein drittklassiger Investor, sagt der Chef von einem der größten deutschen Risikokapitalgeber. Sie spotten über seine angeblichen Erfolge. Bei den Verkäufen von Wunderlist und Mytaxi, die in Thelens Vita zu den größten Erfolgsgeschichten zählen, habe der Bonner jeweils maximal eine Million Euro verdient – sehr viel für Durchschnittsverdiener, aber in den Kreisen, zu denen Thelen sich laut Klappentext zählt, eher Peanuts. Und überhaupt: Der letzte erfolgreiche Verkauf sei ja ein paar Jahre her.

Die Marke Frank Thelen strahlt dennoch heller als je zuvor. Am Wochenende flaniert er bei der „Goldenen Kamera“ über den roten Teppich, werktags düst er nach Köln um nach Obama Führungskräften die Zukunft zu erklären. Thelen schaffe es, mit seiner Art, Menschen zu begeistern und zu motivieren, selbst ihre Träume und Ziele zu verfolgen, sagt Alexander Müller, Chef von Gedankentanken, der das Obama-Event organisiert und auch den Freigeist-Gründer eingeladen hat. Selbst Kritiker müssen zugeben: Kein anderer aus der Szene schafft es momentan so gut, dem Durchschnittsbürger Digitalthemen näherzubringen.

Im vergangenen Jahr startete Thelen deshalb auch eine riskante Wette: Würde sein Name reichen, um aus einem sperrigen Thema wie Digitalisierung einen Bestseller zu machen?

Ein dreiviertel Jahr später lautet die Antwort: ja. Für den Murmann-Verlag ist Thelens Biografie „Start-up-DNA“ eine der erfolgreichsten Veröffentlichungen der Firmengeschichte, der Verlag spricht von einer mittleren fünfstelligen Zahl von verkauften Büchern. Die Marktforscher von Media Control ermittelten zuletzt 34.255 Verkäufe.

Thelen hat schon jetzt mehr Biografien verkauft als Volkshelden wie Boris Becker oder Lukas Podolski – aber sein zu Beginn gesetztes Ziel bislang klar verfehlt. Die Startauflage seines Buchs lag bei 100.000 Exemplaren, ein absurd hoher Wert. Thelen räumt zwar ein, die Geschwindigkeit im Buchmarkt unterschätzt zu haben, nur um im gleichen Atemzug davon zu sprechen, dass man die Bücher im Laufe des Jahres noch verkaufen werde und bereits eine zweite, aktualisierte Auflage plane.

„Glaub an dich“ steht unter dem Bild von Frank Thelen, das Frank Thelen dieser Tage bei Instagram gepostet hat. Immer wieder verbreitet er dort Motivationssprüche. Am Telefon, kurz bevor er auflegen muss, um sich auf seinen Auftritt in Köln vorzubereiten, verrät er einen weiteren: „Die einfachste und beste Markenpflege ist, ruhig und ehrlich seinen Job zu machen“, sagt Thelen. Wichtig sei, dass man jeden Morgen in den Spiegel schauen könne. „Und das kann ich ohne schlechtes Gewissen.“

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