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Netflix aus Bochum

Stefan Peukert und Daniel Schütt haben mit ihrem Start-up große Ziele. Masterplan soll zur weltweit führenden Videoplattform für digitale Weiterbildung werden. Dafür bauen sie in Bochum sogar ein eigenes Filmstudio.

Mithilfe des Internets kann man inzwischen alles lernen – wie man kocht, fotografiert oder bei einem VW-Golf den Keilriemen wechselt. Im Zweifel reicht ein verwackeltes Handyvideo bei Youtube und man ist schlauer. Aber kann man so auch lernen, seinen eigenen Beruf zu retten?

„Heute kann es sein, dass ein komplettes Berufsbild im Laufe eines Arbeitslebens verschwindet“, sagt Christoph Keese und schaut ernst in die Kamera. Die Digitalisierung, will der Bestseller-Autor (“Silicon Valley“) damit sagen, ändert alles. Deswegen gibt es Masterplan.

Über die 2017 von Stefan Peukert und Daniel Schütt in Bochum gegründete Videoplattform können Unternehmen ihre Mitarbeiter fit machen lassen für den digitalen Wandel – und das von echten Experten auf diesem Gebiet.

Christoph Keese erklärt die Digitalisierung, Trivago-Gründer Rolf Schrömgens verrät, was eine gute digitale Unternehmenskultur ausmacht und von Pascal Finette von der Singularity University aus dem Silicon Valley erfährt man, was exponentielle Technologien ausmacht.

Und weil das alles schon nach schwerem, trockenen Stoff klingt, versuchen sie die Videos bei Masterplan so spannend zu gestalten, dass die Leute freiwillig weitergucken. „E-Learning hat bislang keinen Spaß gemacht. Das wollen wir ändern“, sagt Stefan Peukert. Ihre Konkurrenten seien daher eigentlich keine anderen E-Learning-Portale, sondern Netflix.

Je hochwertiger und spannender die Inhalte, desto eher schalten die Kunden Masterplan ein, statt bei der größten Videoplattform der Welt die nächste Folge einer Serie zu gucken, so die Überlegung. Und deswegen wird für die Produktion eines Weiterbildungsvideos auch schon mal das Gasometer in Oberhausen gemietet. „Wir produzieren die Inhalte komplett selbst“, sagt Peukert: „Wir bauen dazu gerade in Bochum auch ein eigenes Filmstudio.“

Vielleicht wären Peukert und Schütt diesen Schritt nicht gegangen, wenn es Employour nicht geben würde. Das Start-up haben die beiden während ihres Studiums an der Universität Witten-Herdecke gegründet – und dabei all jene wichtigen Fehler gemacht, die sie nun bei ihrer zweiten Gründung zu vermeiden versuchen.

Mit Employour haben Peukert und Schütt verschiedene Portale wie MeinPraktikum aufgebaut, ohne Mitarbeiter, ohne Investoren. „Wir sind im Bulli durch die Gegend gefahren und haben Studenten Papierbögen ausfüllen lassen, die wir abends in den Computer getippt haben“, erinnert sich Peukert an diese Zeit. 80.000 Euro habe man an Krediten aufgenommen, um die Idee zu finanzieren. Knapp 30.000 Euro kostete 2011 allerdings allein die Beauftragung einer Agentur, die sich um die Suchmaschinenoptimierung kümmert. „Das war für uns signifikant viel Geld, das Ergebnis war aber gleich Null“, sagt Peukert: „Wir haben dann in einer Nacht alle Agenturen gekündigt und uns gesagt: Wenn etwas so wichtig für den Erfolg des Unternehmens ist, dann müssen wir es selbst beherrschen.“ Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl der Seitenaufrufe von 5000 auf fünf Millionen pro Monat. Deswegen drehen sie die Videos jetzt selbst.

Und auch einen anderen Fehler wollen die beiden bei Masterplan nicht wiederholen: „Viele Gründer in Deutschland, wie auch wir, verkaufen ihr Unternehmen zu früh.“ Es sei oft viel schwieriger ein Unternehmen aus dem Nichts aufzubauen, als es von einem guten zu einem großartigen Unternehmen zu entwickeln. Ein Firmenwert von 20 bis 40 Millionen Euro sei oft genau die Schwelle, ab der sich zeigt, ob man richtig groß werden kann.

Peukert und Schütt hatten Employour 2015 für einen Millionenbetrag an den Bertelsmann-Konzern verkauft, den früheren Traum-Arbeitgeber von Peukert: „Mit 18 Jahren habe ich mich für ein duales Studium beworben und wurde nicht genommen – insofern hat es schon eine gewisse Ironie , dass wir unser Unternehmen später ausgerechnet an Bertelsmann verkauft haben.“

Bei Masterplan denken die beiden Gründer nun alles eine Nummer größer. „Unser Ziel ist es, einmal der weltweit größte Lernanbieter zu sein“, sagt Peukert. Momentan habe man 20.000 Nutzer im Monat, Ende des Jahres wolle man bei mehr als 100.000 sein. Zu den Kunden gehören Schwergewichte wie Siemens, die Deutsche Bahn oder die Otto-Gruppe.

Ans Scheitern denken die beiden Gründer nicht, obwohl sich viele Start-ups im Bereich digitale Bildung trotz des großen Potenzials in der Vergangenheit schwergetan haben. So hat die von dem gebürtigen Solinger Sebastian Thrun gegründete US-Weiterbildungsplattform Udacity zuletzt laut einem Bericht von „Techcrunch“ angeblich 75 Mitarbeiter und damit knapp 20 Prozent der Belegschaft entlassen müssen in der Hoffnung, dadurch profitabel zu werden.

Peukert hält die Modelle für nicht vergleichbar. Udacity bietet sehr spezielle Angebote, mit denen man etwa lernen kann, selbstfahrende Autos zu bauen. Masterplan will hingegen eher eine digitale Grundausbildung vermitteln. „Viele Unternehmen denken, dass sie sich digitale Expertise von außen einkaufen können – so wie wir mit der SEO-Agentur“, sagt Peukert: „Aber wir sind aufgrund unserer Erfahrungen überzeugt, dass die Digitalisierung immer von innen stattfinden muss.“

Info

Tengelmann Ventures finanziert Masterplan

Investoren In zwei Finanzierungsrunden (Seed, Series A) konnte Masterplan 2,5 bzw. sechs Millionen Euro von Investoren wie Tengelmann Ventures einsammeln.

Mitarbeiter Masterplan hat rund 30 Mitarbeiter.

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