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Fünf Fragen, die sich aus dem Start-up-Monitor für NRW ergeben

Eine Studie analysiert die Gründerszene in NRW. Zusammengefasst lässt sich sagen: Zu wenig Frauen, zu wenig Promovierte, zu wenig Kapital. Aber es gibt auch gute Nachrichten. Wir haben die Ergebnisse analysiert.

Der Deutsche Start-up-Monitor des Bundesverbands Deutsche Start-ups ist zwar nicht repräsentativ, aber die umfangreichste und detaillierteste Studie zur deutschen Gründerszene. Das NRW-Wirtschaftsministerium von Minister Andreas Pinkwart hat nun eine Sonderauswertung der 295 Datensätze für das bevölkerungsreichste Bundesland anfertigen lassen, die noch einmal einen interessanten Blick auf die Gründerszene bietet.

Es gibt allerdings einen großen Haken: Die Umfrageergebnisse, auf die sich die NRW-Ausgabe stützt, stammen aus den Monaten Mai und Juni 2018, als sie für den Deutschen Start-up-Monitor erhoben wurden, haben also schon eine gewisse Historie. Daher ergeben sich aus einigen Ergebnissen vor allem drei spannende Fragen:

Was bewirkt das Gründerstipendium des NRW-Wirtschaftsministeriums?

Zwölf Millionen Euro lässt sich die Landesregierung das Projekt „1000 x 1000“ insgesamt kosten: 1000 Gründer sollen jeweils zwölf Monate lang je 1000 Euro im Monat Zuschuss bekommen. Das soll den Start einer Gründung erleichtern. Das Gründerstipendium ist eines der wichtigsten digitalpolitischen Projekte der schwarz-gelben Landesregierung – und das Interesse an dem Programm scheint groß zu sein. Mehr als 1100 Gründer haben sich offenbar bereits beworben.

Die große Frage wird sein, welchen Effekt das Stipendium für die Gründerszene in NRW hat. Entstehen daraus letztlich Unternehmen, die die Wirtschaft des Landes wirklich voranbringen? Wenn ja, könnte es dabei helfen, den Rückstand auf Berlin zu verringern. Zwar haben 2018 bei der Umfrage erstmals mit 19 Prozent aller Gesamtteilnehmer erstmals mehr Start-ups aus NRW an der Befragung teilgenommen als aus Berlin, dennoch hat die Bundeshauptstadt bei wichtigen Kennziffern noch einen meilenweiten Vorsprung vor dem größten Bundesland.   

Werden die Hochschulen zu Gründerzentren?

Knapp 80 Prozent der NRW-Gründer haben laut Auswertung einen Hochschulabschluss, 40 Prozent haben Wirtschaft studiert, 20 Prozent sind Ingenieure. Allerdings gründen in NRW deutlich weniger Promovierte (9,2 Prozent) als im Bundesschnitt (13,3 Prozent). Es wird daher in Zukunft darauf ankommen, auch bei akademischen Fachkräften noch stärker die Motivation zur Gründung zu wecken.

Die Landesregierung hat diese Herausforderung erkannt und stellt 150 Millionen Euro Förderung für sechs sogenannte „Exzellenz Start-up Center.NRW“ in den kommenden fünf Jahren bereit. Mit dem Geld werden nun die Universitäten in Aachen, Bochum, Dortmund, Köln, Münster und Paderborn gefördert. Die große Frage wird sein, ob und wann die Effekte dieser Maßnahmen erkennbar werden, ob es beispielsweise mehr Gründungen gibt als an anderen Hochschulen. Beim NRW-Start-up-Monitor liegt momentan mit Bielefeld noch eine Hochschule auf Rang 2, die künftig keine zusätzliche Förderung bekommt.

Wie will NRW den Rückstand beim Venture Capital aufholen?

80 Prozent der Gründer nutzen eigene Ersparnisse zum Unternehmensaufbau, damit liegt NRW im Bundesschnitt. Allerdings bekommen hierzulande nur zwölf Prozent der Start-ups auch Risikokapital, bundesweit waren es zuletzt 15,3 Prozent. Und während Gründer in NRW im Schnitt 2,3 Millionen Euro Risikokapital bekamen, waren es im Bundesschnitt 2,7 Millionen und in Berlin sogar 5,2 Millionen.

„Dieser Mangel macht sich in einer moderaten Größe der Unternehmen und verhaltenen Tendenzen zur Internationalisierung bemerkbar. Die Wagniskapital-Investitionen in Start-ups sollen bis 2022 auf eine halbe Milliarde Euro anwachsen“, bilanziert auch das Wirtschaftsministerium. Doch selbst das dürfte zu wenig sein, um den Vorsprung anderer Regionen aufzuholen, auch wenn es zuletzt mit Millionen-Finanzierungen für Instana aus Solingen oder LeanIX aus Bonn positive Beispiele gab.

Ein Nachtteil von NRW ist, dass es noch zu wenige Gründer gibt, die ihr Unternehmen erfolgreich verkauft haben und mit diesem Geld neue Start-ups finanzieren. Diese Seriengründer helfen letztlich enorm dabei, ein Ökosystem zu entwickeln. NRW versucht diese Lücke momentan durch seine Förderbank NRW.Bank zu überbrücken, die verschiedene Programme aufgelegt hat oder unterstützt.

Wie wird die Gründerszene weiblicher?

Nur 10,8 Prozent der Befragten aus Nordrhein-Westfalen sind Gründerinnen, im bundesweiten Schnitt liegt der Wert bei 15,1 Prozent – dabei gibt es in Deutschland mehr Frauen als Männer. Im Land wird ein Großteil des Potenzials nicht genutzt für die Gründerszene. Teilweise gibt es die gleichen Probleme wie in anderen Berufen (zum Beispiel Kinderbetreuung), wo Frauen beispielsweise auch in Führungspositionen seltener sind, teilweise braucht es vielleicht auch einfach mehr weibliche Vorbilder, damit mehr Gründermut entsteht.

Die Politik hat aber über Förderinstrumente natürlich die Möglichkeit, gezielter weibliche Gründer zu fördern. Auch da gibt es noch viel Potenzial in NRW. Immerhin: Laut Wirtschaftsministerium liegt der Frauenanteil beim Gründerstipendium bei 19,5 Prozent.

Macht es Sinn, in der Fläche zu fördern oder lohnt die Konzentration auf eine Region?

Der Großteil der NRW-Teilnehmer an der Befragung hat seinen Sitz an Rhein und Ruhr. Die Frage wird sein, ob NRW angesichts der großen Konkurrenz auch künftig seine Förderung auf die Fläche verteilen will oder irgendwann die Entscheidung reift, dass es Sinn machen könnte, sich auf eine einzige Region zu konzentrieren – immerhin sind die Konkurrenten im weltweiten Wettstreit Schwergewichte wie das Silicon Valley oder Tel Aviv.

Laut dem Global Start-up Ecosystem Report (GSER), der in dieser Woche veröffentlicht wurde, liegt das Rheinland weltweit zwar in der Top 20 der Standorte mit dem größten Wissen (u.a. Patente und Forschungseinrichtungen) und in der Top 30 beim Faktor Talente. „Die starke Hochschullandschaft mit Schwergewichten wie der RWTH Aachen bringt herausragende Tech-Startups hervor“, sagt Klemens Gaida, Geschäftsführer des Digihub Düsseldorf/Rheinland.

In der Gesamtbewertung der 30 wichtigsten globalen Start-up-Ökosysteme taucht das Rheinland hingegen nicht auf, mit Berlin und München sind immerhin zwei deutsche Städte platziert, allerdings ging es zuletzt auch für Berlin drei Plätze abwärts auf den zehnten Platz. Paris hat Berlin inzwischen überholt, London liegt in Europa vorne – und weltweit dominieren das Silicon Valley und New York City.  

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