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Der elektronische Sport ist auch in Solingen auf dem Weg

Leon Falter (l.) ist einer der weltweit besten Fifa-Spieler. Bernd Unger gründete „Stage5 Gaming“. Foto: Fred Lothar Melchior/Fred Lothar melchior

Stage5 Gaming warb jetzt im Gründer- und Technologiezentrum am Grünewald für den elektronischen Sport „als regionale Chance“.

„Ich hatte lange mit E-Sport nichts am Hut“, sagt Bernd Unger. Leistung brachte der heute 44-Jährige lieber als Badmintonspieler – bis die Schulter nicht mehr mitmachte und ein Freund ihn 2016 überredete, mit nach Köln zu kommen: In der Lanxess-Arena kämpfen einmal jährlich die besten „Counter-Strike“-Spieler vor rund 15.000 Zuschauern um hohe Preisgelder. Noch im selben Jahr gründete Unger „Stage5 Gaming“. Inzwischen treten gut 40 Spieler in verschiedenen Teams bei Computerspielen wie „Fifa 1VS1“ oder „Hearthstone“ für Stage5 an. Unger: „Wir möchten für sie als Sprungbrett dienen“ – wie für den 17-jährigen Kempener Leon Falter, einem der weltweit besten Fifa-Spieler.

„Wir sind nicht die Ersten, die es in Solingen angefasst haben“, denkt der gebürtige Düsseldorfer beispielsweise an den Verein P1-Gaming mit seinen Rennsimulationen. Aber der Sachbearbeiter in der Energiewirtschaft ist sicher derjenige, der sich in der Klingenstadt mit am stärksten für den elektronischen Sport einsetzt. Am Samstag veranstaltete er mit der Kamener E-Sport-„Universität“ eversity, unterstützt durch die Wirtschaftsförderung, im Gründer- und Technologiezentrum ein Symposium „E-Sport als regionale Chance“.

Die wurde eher von Teilnehmern aus dem Raum Braunschweig, aus Würzburg, Stuttgart und Leverkusen erkannt als von Interessierten aus Solingen. Mehrere hundert Einladungen hatte Unger verschickt; die Solinger Gäste unter den rund 35 Teilnehmern ließen sich an zwei Händen abzählen. „Da müssten eigentlich die Vertreter aus der Wirtschaft sitzen“, zeigte „Digital Consultant“ Anita Ranzan auf die leeren Stühle. „Die Wirtschaft weiß nicht, wie sie die jungen Leute erreicht“, kritisierte die Wuppertalerin, die an der Ohligs-App beteiligt war. „Ich hätte gedacht, dass der Saal voll ist.“ Es gehe ja auch um unbesetzte Ausbildungsplätze.

„Die Abwehrhaltung resultiert zum großen Teil aus Unwissen“, ist sich Ruben Brattig sicher. Das Problem liegt für den jungen Solinger YouTuber darin, „dass Gaming im Alltag nicht präsent ist“. Vereine sollten den E-Sport nutzen, auch um Jugendliche wieder zum richtigen Sport zu bringen, schlägt Spiele-Journalist Jonas Walter vor (gaming-grounds.de). Den Kontakt zu Vereinen sucht Bernd Unger schon länger: „Beim Sportbund hat man mich mit großen Augen angesehen, aber ein Solinger Fußballverein hat sich bei mir gemeldet.“ Für ihn wollte Stage5 einen Spieler in dessen Trikot antreten lassen und ihm so Schlagzeilen bringen. „Das scheiterte dann an 250 Euro. Gleichzeitig werden in der Kreisliga bis zu 400 Euro pro Spieler bezahlt.“

Vereine sieht auch Dr. Robert Weindl als mögliche Multiplikatoren. Der Kreisvorsitzende der Solinger FDP nahm an der abschließenden Podiumsdiskussion teil und sprach von Schwellenangst: „Es ist eine Sportart wie jede andere, die man professionell trainieren kann.“ Aber eine Sportart, die nicht per Vereinsrecht anerkannt ist. „Verliert man die Gemeinnützigkeit, wenn man auch E-Sport anbietet?“, fragt beispielsweise Ulrich Knoch, der Medienkoordinator des OTV, der sich seit rund einem Jahr mit dem Thema beschäftigt und im Verein ein E-Sports-Event anregte.

„Die Wirtschaft und die Politik müssen verstehen, dass es eine Win-Win-Situation ist“, argumentiert Robert Weindl. „Gemeinnützigkeit ist die Grundlage, dass E-Sport die Reichweite bekommt, die ihm zusteht. Die FDP ist ein großer Fan davon; das muss auf Bundesebene entschieden werden.“

Auch in Solingen selbst geht die Diskussion weiter. E-Sport sei in der Klingenstadt „definitiv auf dem Weg“, betont eine Jugendschützerin. Der elektronische Sport, ob Strategiespiel, Ego Shooter oder Fußball-Simulation, gehöre zur jugendlichen Lebenswelt; es gebe aber Stolpersteine. Mindestens 70 Prozent der Kinder ab der 5. Klasse sitzen laut Stadtverwaltung spielend vor Computer oder Konsole – und liefen so Gefahr, in die soziale Isolation abzugleiten. Abhilfe sollen Angebote in den Häusern der Jugend in Solingen und Aufderhöhe schaffen.

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