NRW Vorgestellt

Gründer statt Betroffene

Der zbf-Pflegedienst mit (v.l.): Julia Veloros, Klaus Klüttermann, Anke Pohlen,Tanja Klüttermann, Yvonne Hummel, Sabine Müller. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Mönchengladbach Wie Familie Klüttermann nach einem schweren Autounfall und der damit verbundenen Pflegebedürftigkeit ihres Sohnes Jan ein Pflege-Unternehmen mit fast 90 Mitarbeitern aufbaute.

Kurze Unterbrechung des freitäglichen Jour Fix. Eine Praktikantin verabschiedet sich mit einer Großpackung Schokoriegel. Damit sagt sie strahlend Merci für ihre „wunderbare Zeit“ beim ZbF Pflegedienst. Das Team um Tanja und Klaus Klüttermann freut sich, dass die junge Frau demnächst wiederkommen wird.

 ZbF steht für Ziemlich beste Freunde. Und ja, der Firmenname ist angelehnt an den berührenden französischen Film über das Miteinander eines Pflegers und eines Rollstuhlfahrers. Und auf der Internetseite von ZbF steht unmissverständlich: Wir wissen, wovon wir reden! Die Anfänge des 2012 ins Leben gerufenen Pflegedienstes mit Sitz auf der Hohenzollernstraße ist nämlich alles andere als einfach. Die Selbstständigkeit als Unternehmer ist aus dem persönlichen Schicksal entstanden. Es ist der Horror.

Seit einem Verkehrsunfall 2006 ist der älteste Sohn querschnittsgelähmt. „Langzeitbeatmet“ – hinter diesem nüchternen Medizinbegriff verbirgt sich ein Drama. Von heute auf morgen ist die Welt der Familie Klüttermann eine andere. Rund um die Uhr Betreuung. Das geht nur mit Hilfe. Mit dem ersten Pflegedienst machen die Klüttermanns gute Erfahrungen. Die Erfahrungen mit dem zweiten bringt die Ernüchterung. „Es gab von dort für uns keine qualifizierten Mitarbeiter. Kaum hatte ich sie mühsam in Alles eingewiesen, wurden sie auch schon wieder ersetzt“, erinnert sich Tanja Klüttermann.

Pragmatisch haben die Diplomkaufleute schließlich die Gründung eines eigenen Pflegedienstes entschieden, „wir hatten die Zulassung von den Kassen noch nicht, da hatten wir bereits den ersten Patienten.“ „Da draußen gibt es einen gigantischen Bedarf. Wir haben in jeder Woche ein bis zwei Anfragen“, ergänzt Klaus Klüttermann. Und: „Wenn wir nur wüssten, wo wir neue Kräfte finden. Der Markt ist absolut leergefegt was qualifiziertes Personal betrifft.“

Heute hat ZbF knapp 90 Mitarbeiter. Die Pflegekräfte betreuen im Augenblick 15 Klienten. Kinder und Beatmungspatienten. In einer „Eins-zu-Eins-Pflege“, 24 Stunden lang. Klaus Klüttermann: „Viele davon sind Minijobber, arbeiten zum Beispiel im Krankenhaus. Sie freuen sich, dass sie bei uns viel mehr Zeit für ihre Patienten haben, das ist für sie sehr motivierend.“ Mit dieser außergewöhnlichen Unternehmensgeschichte beeindruckte Klüttermann beim Jahresempfang des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft die zahlreichen Unternehmer im Publikum.

Auffällig ist, dass die Klüttermanns von Klienten und nicht von Patienten sprechen. Und dass sie von ihren Beschäftigten als ihre „Kunden“ reden. Die Firmengründer haben dafür eine einfache Erklärung: „Wir müssen das Team pflegen, damit es pflegen kann.“ So gibt es einen ausgeklügelten Dienstplan der möglichst und konsequent alle Bedürfnisse der Mitarbeiter berücksichtigt, ihnen so den Rücken freihält. Das gehe schon mal so weit, dass Dienstplanerin Anke Pohlen irritiert bis rhetorisch bei der Geschäftsleitung nachfragt: „Wollt ihr das wirklich?“

Von Beginn an sollte ZbF ein Familienunternehmen sein: „Wir duzen uns. Und wir sind jederzeit für jeden ansprechbar. Gerade auch was Verbesserungsvorschläge betrifft.“ Natürlich gebe es auch schon mal Unstimmigkeiten, aber das sei so normal wie in jeder Familie. Den beiden Gründern ist wichtig, „dass wir ZbF aus unseren Reihen weiterentwickeln.“ Derzeit werde eine Mitarbeiterin zur Führungskraft aufgebaut.

Der Weg zur eigenen Firma war steinig, gerade auch was die Auseinandersetzung mit den Kassen betrifft. Das ergebe natürlich Sinn, dass der Kostenträger genau hinschaut, allerdings trage diese Form der Aufsicht manchmal merkwürdige Früchte. Daher engagiert sich Klaus Klüttermann auch bei der Interessengemeinschaft der Anbieter außerklinischer Intensivpflege: „Dabei geht es uns unter anderem um Ausbildungsstandards in der Intensivpflege. Gemeinsam können wir unsere Interessen in der politischen Diskussion besser vertreten.“

Über allem steht ein Ziel, das ZbF zu verwirklichen sucht, erklärt Tanja Klüttermann: „Wir wollen, aus eigener Erfahrung, unseren Klienten Teilhabe am Leben ermöglichen, Anreize schaffen, und Andere motivieren neue Wege zu finden und zu gehen.“ Dazu zählt auch ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein: „Wir wollen herausfinden wie ein integratives Studentenwohnheim funktionieren kann.“

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