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Von E-Scooter bis künstliche Intelligenz – das sind die Digital-Trends 2019

Die Digitalmesse SXSW lockt jährlich Tausende ins texanische Austin. Hier wird die Zukunft diskutiert – und das immer politischer. Wir stellen die Trends der diesjährigen Konferenz vor.

Von Clemens Boisserée, Daniel Fiene und Rainer Leurs

Wenn die „South by Southwest“ in Austin startet, dann heißt das für viele Einheimische vor allem eins: Nichts wie weg. Rund 75.000 Menschen aus aller Welt reisen an zu der Kombination aus Digitalkongress, Musik- und Filmfestival, die am vergangenen Freitag begonnen hat, hinzu kommen über 300.000 Besucher von Konzerten, Ausstellungen, Filmvorführungen. „Wenn Sie in dieser Woche von zuhause aus arbeiten oder es vermeiden können, zu Stoßzeiten Auto zu fahren, dann tun Sie das bitte“, warnte Bürgermeister Steve Adler die Austinites im Vorfeld. Viele nahmen gleich ganz Reißaus, oft auch, um ihre Wohnung teuer an Kongressbesucher zu vermieten.

Vor allem für die Digitalbranche hat sich die „South By“ zur Leitmesse entwickelt. Wer wissen will, was in den nächsten Jahren wichtig wird, muss im März nach Texas. Scharen von Medienmenschen, IT-Spezialisten, Unternehmern tapsen dann mit Namensschildchen um den Hals durch die Innenstadt, die sich in eine riesige Festivalkirmes verwandelt.

Workshops und Networking-Veranstaltungen finden hier statt, man trifft sich zum Bier im „German Haus“, im „SAP House“ oder an der Rollschuhbahn vom Vice Magazine. Experten, Manager und Gründer sprechen, erklären, diskutieren in über 2000 Vorträgen, Workshops und Symposien. Die Themen reichen von Künstlicher Intelligenz über Datenschutz bis hin zur Cannabis-Ökonomie. Und in diesem ganzen Wust gibt es jedes Jahr ein paar Hauptlinien – Trends, an denen niemand vorbeikommt. Das hier sind die wichtigsten für 2019.

Politik: Die Suche nach dem Anti-Trump

Noch nie war die Konferenz so politisch wie in diesem Jahr. 2020 stehen Präsidentschaftswahlen an – mögliche Trump-Herausforderer nutzten das Festival, um für sich zu werben. Der größte Politstar allerdings wird 2020 nicht zur Wahl stehen: Alexandria Ocasio-Cortez, 29 Jahre alt und neuer Superstar der Demokraten im Kongress. Wer ihren Auftritt sehen wollte, musste stundenlang Schlange stehen. In Texas wurde „AOC“ gefeiert, kandidieren könnte sie aber erst mit 35 – das sieht das US-Wahlrecht so vor.

Jetzt schon ins Rennen eingestiegen sind Elizabeth Warren, John Delaney, Tulsi Gabbard und Pete Buttigieg. Die vier Demokraten nutzten die große Bühne SXSW, ebenso wie Howard Schultz, Milliardär und ehemaliger CEO des Kaffee-Giganten Starbucks. Er tritt als unabhängiger Kandidat an, das Zwei-Parteien-System der USA hält er für „kaputt und korrupt“. Ob er mit seinem gemäßigten Profil und ohne Anschluss bei den Großparteien Erfolgsaussichten hat? „Ich weiß ein bisschen was über Markenbildung“, verspricht er, und das Publikum johlt. Viele liberale Amerikaner sehen Schultz allerdings mit Argwohn, denn als unabhängiger Kandidat könnte er das linke Wählerpotenzial spalten.

Künstliche Intelligenz: Menschlich, aber nicht zu sehr

Über 300 “Trends für die Zukunft” hat Amy Webb auf der SXSW vorgestellt. Webb ist Professorin an der Universität New York und Gründerin des “Future Today Institute”. Sie sagt: “Künstliche Intelligenz ist keiner dieser Trends. Künstliche Intelligenz steckt hinter jedem dieser Trends.” Tatsächlich kam in Austin kaum ein Vortrag ohne das Thema aus. Da sind Fragen zu technischen Möglichkeiten und die Fragen nach ethischen Notwendigkeiten. Die Antworten lauten zusammengefasst: Intelligente Technik wird menschlich werden, aber nicht zu menschlich. “Nutzer, die mit intelligenten Maschinen kommunizieren, wollen gleichzeitig immer noch das Gefühl haben, mit einer Maschine zu sprechen”, sagt MIT-Forscherin Aleksandra Przegalinska. Nur so gebe es eine Vertrauensbasis zum Gerät, die letztlich über die Nutzung entscheide. Dabei ist die Technik noch viele Jahre davon entfernt, wirklich menschliche Gefühle entwickeln zu können, doch schon heute lernen Maschinen, auf Stimmlage, Blicke oder Körperspannung ihres Anwenders zu reagieren. Produkte wie Amazons Audio-Assistent Echo (“Alexa”) können schon sehr bald Dienstleistungen wie Online-Banking oder Reservierungen in Restaurants übernehmen. Aber sie werden auch Verhaltensmuster erkennen können und lernen, entsprechend zu reagieren. So könnten intelligente Maschinen in die menschliche Autonomie eingreifen. “Es ist denkbar, dass ein System Sie davon abhalten will, nachts um zwei Uhr betrunken Ihrer Ex-Freundin zu schreiben”, sagt Ed Doran von Microsoft. “Der Nutzer muss darüber entscheiden können, ob er solche Hinweise von einer Maschine überhaupt möchte.”

Facebook: Gegenwind für Zuckerberg

Nachdem bereits im vergangenen Jahr die Haltung gegenüber den großen Technologie-Konzernen im Silicon Valley deutlich kritischer geworden ist, muss sich in diesem Jahr vor allem Facebook Vorwürfe gefallen lassen. BuzzFeed-Gründer Jonah Peretti forderte den Konzern auf, mehr für die Inhalte zu bezahlen, die auf der Plattform verbreitet werden. “Plattformen und Medienhäuser müssen besser zusammenarbeiten”, warnt Peretti. Dazu gehöre auch, dass es beiden Seiten wirtschaftlich gut gehe. Vor einer Woche hatte Gründer Mark Zuckerberg angekündigt, Facebook umzubauen, um die Privatsphäre zu schützen. Skeptisch reagierte darauf der ehemalige Zuckerberg-Mentor Roger McNamee: “Facebook nimmt seine Nutzer in Geiselhaft”, sagt er. “Die Ankündigung ist eine PR-Nummer, die vom wirklichen Problem ablenkt.”

Auch im Kampf gegen Fake News ist die Kritik gegenüber dem sozialen Netzwerk lauter geworden. Zwar verwies Shaarik Zafar von Facebook auf die unabhängigen Faktenprüfer, die im Auftrag des Konzerns bereits in 40 Ländern mögliche Falschmeldungen prüfen und sperren. Das allerdings reiche bei weitem nicht aus, meint Wajahat Ali von der New York Times. “Wir wissen, dass Russland bewusst in Europa und in den USA Zweifel an Impfungen streut. Auf beiden Kontinenten gibt es unzählige neue Masern-Fälle.” Fake News seien wie ein Virus, das Heilmittel sei noch nicht gefunden. Wenn künftig viele Diskussionen und Inhalte in geschlossenen Gruppen verschwänden, schütze das nicht die Privatsphäre, sondern verdecke das gesellschaftliche Problem.

Google-Klinik: Tech-Konzerne wollen in den Gesundheitsmarkt

Auch die Branchen Lebensmittel, Handel und Medizin beschäftigten sich mit dem digitalen Wandel. Die großen Tech-Konzerne erobern beispielsweise in den nächsten Jahren den Gesundheitsmarkt. Amazon, Google, IBM, Apple, Microsoft und Facebook betreiben eigene Gesundheits-Initiativen. Amazon will nicht nur im Versicherungsmarkt mitmischen, sondern arbeitet auch an einer Anwendung für seinen Audio-Assistenten. Der kann etwa feststellen, ob der Nutzer erkältet ist. Sebastian Tomich von der New York Times berichtete von Gesprächen zwischen Amazon und der Bauindustrie, Alexa künftig schon beim Bau in Immobilien zu installieren.

Mikromobilität: Die Zukunft hat Rollen untendran

Einer der ganz großen Trends steht in Austin auf jedem Bürgersteig herum. Innerhalb weniger Monate haben Elektro-Roller zum Mieten viele US-Städte erobert, auch in Austin sind sie allgegenwärtig. Knapp 300.000 Fahrten kommen monatlich damit zusammen. Für Kunden ist das System bemerkenswert einfach: Ein QR-Code am Lenker wird über eine Smartphone-App gescannt, dann kann man losfahren. Die Kosten sind je nach Anbieter unterschiedlich, üblich sind 15 Cent pro Minute. Ist die Fahrt vorbei, stellt man den Roller einfach ab.

Von einer echten „Scootermania“ spricht Austins Bürgermeister Steve Adler, aber das System habe nicht nur Freunde in seiner Stadt. „Die eine Hälfte der Bevölkerung will die Dinger verbieten, die andere Hälfte kann sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.“ Einerseits, sagt Adler, könnten die Scooter Teil der Lösung von Austins Verkehrsproblemen sein. Andererseits ist da die Sicherheitsfrage: Straßen in den USA sind für Autos ausgelegt, Radwege gibt es kaum. Sollten die Scooter, die knapp 30 Km/h schaffen, also auf den Bürgersteig? Oder auf die Fahrbahn? Einen tödlichen Roller-Unfall gab es in Austin bereits, Helme trägt niemand. Und wie verhindert man eigentlich, dass die E-Scooter nach dem Abstellen Zufahrten oder Gehwege blockieren? Fragen, die auch für Menschen in Düsseldorf oder Köln bald wichtig werden: 2019 sollen die Roller ihre Zulassung für Deutschland bekommen.

Das ist die Digitalmesse South-by-Southwest

Geschichte Seit 1987 findet die SXSW in Austin statt. Neben dem Musik- und Film-Festival ist der „Interactive“-Teil der inzwischen größte Bereich des Festivals. Hier wird der Einfluss der technologischen Entwicklung auf die Gesellschaft diskutiert. 2007 hatte der Kurznachrichtendienst Twitter hier seinen Durchbruch. Die Diskussionen auf der SXSW gelten als Seismograf der digitalen Welt.

Podcast Hören Sie, was deutsche Besucher in Austin inspiriert hat: Miriam Meckel und Léa Steinacker (ada), Lina Timm (Media Lab Bayern), Lena Rogl (Microsoft), Ellen Schuster (Deutsche Welle) oder Eva Schulz (Deutschland 3000) berichten von ihren Eindrücken in den Podcasts auf zeitgeist.rp-online.de.

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